Samstag, 10. März 2012

Michael Martin: Poirot-Krimi - Gezinkte Karten (3)


V

Früh am nächsten Morgen telefonierte Poirot mit Chief Inspektor Japp, um ihm von unseren Ermittlungen im Club zu berichten. Japp gab eine Fahndung nach Spencer raus, der auch zu Hause nicht anzutreffen war. Er selbst hatte in der Zwischenzeit die übrigen Verwandten von Earnshaw vernommen, aber nichts erfahren außer dass er ein liebender Ehemann und Meister seines Fachs war und wohl keine Feinde hatte. Unser guter Japp war ein wenig frustriert. Das sollte aber nicht lange so bleiben, denn Spencer wurde schon wenige Stunden später bei einem seiner Freunde gefunden. 
Leicht verkatert, denn er hatte am Abend zuvor wohl einige Whisky zu viel gekippt. Er wurde zu Scotland Yard gebracht, wo Japp ihn verhören wollte. Wir wurden höflich eingeladen beim Verhör dabei zu sein, aber kurz nach diesem Telefonat, als wir gerade schon unsere Hüte aufgesetzt hatten, klingelte das Telefon erneut. Poirot ging schnell zum Apparat und wollte den Anrufer abwimmeln, aber es war Mrs Earnshaw, die ganz aufgeregt mitteilte, dass der Entführer endlich eine Nachricht gesandt hatte.

„Wenn Sie die Nachricht bitte vorlesen würden Mdm Earnshaw“, sagte Poirot.
„<> Das ist die ganze Nachricht, Mr Poirot. Die Worte sind aus Zeitungen ausgeschnitten und auf ein Blatt Papier geklebt.“
„Vielen Dank Mdm Earnshaw, wir fahren jetzt zuerst zu Scotland Yard. Offensichtlich hat Chief Inspektor Japp einen ersten Verdächtigen gefasst, der in die Entführung verstrickt sein könnte. Nach dem Verhör kommen wir direkt zu Ihnen. Auf Wiedersehen, Mdm Earnshaw.“
Mit dieser interessanten Neuigkeit in der Tasche fuhren wir zu Scotland Yard. Dort angekommen wurden wir von Chief Inspektor Japp begrüßt, der triumphierend lächelte, stolz so schnell den Verdächtigen aufgespürt zu haben. Dieser entsprach erstaunlich genau der Zeugenbeschreibung des Mannes, der am Abend von Mr Earnshaws Entführung an dessen Juwelierladen am Covent Garden gesehen worden war, riesig groß, vierschrötig, so um die 40 und er roch nach Angst. Japp fackelte nicht lange ihn ins Verhör zu nehmen.

„So, Spencer, jetzt mal raus mit der Sprache: Warum haben Sie die vergangene Nacht nicht in Ihrem trauten Heim verbracht, sondern haben sich bei einem Freund versteckt?“
„Wie bitte? Versteckt? Ich habe mich nicht dort versteckt, sondern nur mit einem guten Freund einen feucht-fröhlichen Abend verbracht. Na ja, und irgendwann war es zu spät um nach Hause zurück zu kehren. Mein Kumpel war so freundlich mich bei ihm übernachten zu lassen. Das ist doch wohl nicht verboten?“
„So sah es aber nicht aus, als wir Sie aufgegabelt haben!“ entgegnete Japp. „Den gepackten Koffer inklusive Kulturbeutel nehmen Sie wohl immer mit zu Ihren feucht-fröhlichen Abenden, was?“
„Und wenn schon, das ist doch kein Verbrechen! Scotland Yard muss echt Langeweile haben, wenn es sich mit so etwas beschäftigt!“
„Ihren Spott können Sie sich sparen, Spencer! Sie haben sich dort versteckt! Vor wem, frage ich mich. Wo waren Sie vorgestern Abend zwischen 6 und 9 Uhr?“
„Bis 6 Uhr war ich auf der Arbeit, dann bin ich schnurstracks zu meinem Kumpel gefahren und dort bis zum schlafen gehen auch geblieben. Wieso?“
„Und Sie haben nicht noch einen Abstecher zum Covent Garden gemacht?“
„Nein, wieso sollte ich?“
„Sie sind dort um halb 7 von einem Zeugen gesehen worden!“
„Das kann nicht sein! Sie müssen mich verwechseln!“
„Hören Sie, wir wissen, dass Sie Mr Earnshaw persönlich kennen und dass Sie mit ihm vorgestern von seinem Laden weggegangen sind! Ersparen Sie uns doch die Gegenüberstellung mit dem Zeugen! Sie verschwenden unsere Zeit!“
„Na schön! Ich war vorgestern bei Archie. Aber so kurz, dass es eigentlich nicht der Rede wert ist.“
„Über was  haben Sie gesprochen?“
„Was geht Sie das an?“
„Es ging um Geld n’est-ce pas?“ fragte Poirot unvermittelt. Spencer schaute ihn groß an. „Mr Earnshaw schuldet Ihnen Geld, und Sie wollten es zurück haben, stimmt das Mr Spencer?“
„Wie kommen Sie denn jetzt darauf?“
„Wir wissen, dass Sie mit ihm regelmäßig im Club gespielt haben und zwar um große Beträge. Ich vermute um zu große Beträge!“ sagte Poirot. Spencer zögerte.
„Na schön, da Sie offensichtlich schon alles wissen. Er schuldet mir tatsächlich Geld. Ich wollte mit ihm darüber reden, wie und wann er es mir bezahlen kann…“
„Nur reden ja? Und zufälligerweise wird er kurze Zeit später entführt!“ sagte Japp kühl. 
„Aber damit habe ich doch nichts zu tun!“ protestiert Spencer. 
„Wie viel schuldete Ihnen Earnshaw?“ fragte Poirot.
„Auch wenn es Sie nichts angeht: 2000 Pfund.“
C’est interessant. Mrs Earnshaw hat heute eine Nachricht des Entführers erhalten, in der steht, dass Mr Earnshaw ihm 2000 Pfund schuldet. Ein bemerkenswerter Zufall, finden Sie nicht?“ fragte Poirot und beobachtete Spencer ganz genau. Dieser wurde blass.
„Eine… eine Nachricht?“ stammelte er. „Die ist aber nicht von mir! Er muss noch jemand anderem Geld schulden. Ich würde ihn doch nicht wegen 2000 Pfund entführen. Ich weiß doch wie es um seine Finanzen bestellt ist!“
„Und Sie wollen weiter leugnen, dass Sie sich bei Ihrem Freund versteckt haben?“ fragte Japp. 
„Ich… ich“, Spencers Selbstbeherrschung brach allmählich zusammen. „Ich bin später am Abend noch mal hin, weil er mich bei unserem ersten Gespräch um halb 7 einfach hat abblitzen lassen, aber ich schwöre Ihnen, Chief Inspektor, als ich in den Laden gegangen bin, habe ich das Chaos gesehen und das Blut und ich bin direkt wieder raus und direkt zu meinem Kumpel, weil ich Angst hatte, dass man mich verdächtigen würde…“
„Zumindest da liegen Sie mal richtig, Spencer!“ unterbrach ihn Japp „Und noch etwas!“ warf Chief Inspektor Japp mit siegessicherem Lächeln ein. „Wir haben uns mal bei Ihnen in der Wohnung etwas umgeschaut. Wir haben da einige Päckchen mit Spielkarten gefunden, die haargenau so aussehen wie diejenigen, mit denen Sie auch im Club spielen. Sie sind in ziemlich bedauernswerten Zustand, muss ich sagen“, und bei diesen Worten klopfte er sich auf seine Manteltasche. „Das Muster auf der Rückseite ist schon sehr filigran gemacht. Aber wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man, dass einige Punkte einfach fehlen! Und zwar in sehr systematischer Weise. Sie wissen also sofort welche Karten Ihr Gegner auf der Hand hat! Sind Sie eigentlich der Meinung, dass Sie die 2000 Pfund von Mr Earnshaw rechtmäßig erspielt haben?“
Spencer fuhr mit gespielter Entrüstung in die Höhe. „Jetzt hören Sie aber auf, ja?! Natürlich stehen mir die 2000 Pfund zu! Ich kann nun mal ganz gut Bridge spielen, das konnte ich schon immer! Und was die Karten angeht, die Sie hier wie ein Beweisstück anführen: Ich habe letztens beim Spiel viel Geld gewonnen, nach einer langen Runde. Und ich habe mir erlaubt diesen Kartenstapel als Trophäe mitzunehmen!“ 
Er sprach im Brustton der Entrüstung, aber ich merkte, dass er sich dabei um Kopf und Kragen redete. 
„Jetzt hören Sie mal gut zu, Spencer!“ Japp war jetzt ebenfalls sichtlich genervt. „Diese Karten mögen ja die aus Ihrem Club sein, aber wir wissen, dass Sie sie mitgenommen und zu Hause gezinkt haben. Wir haben gemerkt, dass sie immer so viele Punkte wegretouchiert haben wie sie dem Wert der Karte entsprechen. “
„Blödsinn, man muss doch immer nur 2 Punkte weg…“ er schwieg ganz plötzlich. 
Japp lächelte. „Ach ja, ich erinnere mich, genau so haben Sie es gemacht. Ich schätze, Sie bleiben noch einige Zeit unser Gast! Hinter schwedischen Gardinen!“ Chief Inspektor Japp ließ Spencer abführen, der noch einmal lautstark alles als Verleumdung bezeichnete und bekundete, dass er mit der Entführung nichts zu tun haben könne. Poirot sah ihm nachdenklich nach. „Ich denke, Monsieur Spencer hat uns heute mindestens einmal belogen, Hastings! Aber wir werden sehen. Erweisen wir erst einmal Madame Earnshaw unsere Ehre.“

Auf dem Weg durch die Stadt hatten wir Pech, denn auf dem Trafalgar Square geriet der Motor meines Lagonda plötzlich ins Stottern und ging schließlich aus. Da die Tankuhr noch „voll“ anzeigte, musste ich den Motor öffnen um diverse Komponenten zu untersuchen. Poirot wurde schon ungeduldig und zog mich damit auf, dass ich den Wagen doch vor kurzem erst generalüberholt hatte. Wir standen wirklich mitten auf dem Trafalgar Square. Eine jung gebliebene, große, bescheiden aber interessant gekleidete Frau trat an uns heran und bat uns um eine Spende für eine Institution in der jugendlichen Straftätern wieder Moral beigebracht werden sollte, also eine Art „Besserungsanstalt“. Sie verstand es sehr eloquent zu reden und bat schließlich um ein Pfund für ihre Institution. Dafür wollte sie uns auch einen Sticker an den Anzug heften, mit dem wir uns als Förderer unserer Jugend rühmen konnten. Ich war aber gerade zu frustriert wegen meinem Wagen um großzügig zu sein, und meinte zu der guten Frau: „Ich würde Ihnen gerne auch 10 Pfund spenden, wenn Sie mir sagen können, wie ich meinen Lagonda wieder flott bekomme“, meinte ich in dem Versuch zu scherzen.
„Ist der Tank noch voll?“ fragte sie prompt. Ich sah sie nur mitleidig an, riss mich aber noch zusammen und erklärte, dass die Tankuhr noch „voll“ anzeige. 
„Sie haben bestimmt schon Batterie, Zündverteiler und  –kerzen, Benzinleitungen und Vergaser überprüft, oder?“ fragte sie rundheraus.
„Ich bin gerade dabei, den Motor zu überprüfen, werte Dame! Aber das scheint’s alles nicht zu sein!“
„Vielleicht ist die Benzinuhr ja kaputt“, schlug die Frau vor. „Wenn es das sein sollte, denn das wäre mein erster Tipp, schlage ich vor, Sie überweisen unserer Institution 10 Pfund. Wir helfen doch wo wir können. Mein Name ist übrigens Jane Marple.“
Und mit einem freundlichen Lächeln verabschiedete sich diese bemerkenswert selbstbewusste – und wie ich später auch zugeben musste – sachkundige Frau von uns. Mir ist es deshalb auch nicht peinlich zuzugeben, dass diese Frau recht hatte und dem Wagen einfach nur Benzin fehlte! Miss Marple hat ihre 10 Pfund auch von mir erhalten.

Als wir bei Mrs Earnshaw eintrafen, war diese in höchster Sorge. Verzweifelt erklärte sie uns, dass sie das nötige Geld nicht habe, oder bestenfalls, wenn sie alles aus dem Laden verkaufe. Verständlicherweise hatte sie große Angst um ihren Mann, dass sie ihn nicht mehr wieder sehe. Sie zeigte uns die Nachricht des Erpressers, deren Wortlaut sie am Telefon schon durchgegeben hatte. 
Poirot prüfte den Brief und Umschlag genau mit Hilfe seiner Lupe. 
„Der Brief hat keine Briefmarke, das bedeutet, der Erpresser hat den Brief persönlich hier eingeworfen…. Oder aber jemanden beauftragt. Die Worte sind aus der Zeitung ausgeschnitten worden, wahrscheinlich aus der Times, der Schriftart zufolge. Sehen Sie, Hastings, wie präzise hier mit der Schere geschnitten wurde, alles schöne saubere Kanten und fast immer wurde genau rechtwinklig geschnitten. Das Papier ist von guter, fester Qualität, ebenso der Briefumschlag. Dieser Brief scheint dem Entführer etwas wert gewesen zu sein.“ 
Poirot schaute noch in den Briefumschlag und entdeckte einen gold schimmernden Fleck. 
„Sehen Sie hier, in der Ecke klebt ein winziger schimmernder Fleck. Nur mit einer Lupe kann man ihn sehen.“ 
Ich schaute durch das Vergrößerungsglas. „Das könnte Gold sein, Poirot!“ rief ich aus. „Das Labor von Scotland Yard müsste so was analysieren können“, meinte ich. 
„Haben Sie denn auch gute Nachrichten für mich?“ fragte Mrs Earnshaw hoffnungsvoll. 
Poirot zögerte. Schließlich sagte er betont vorsichtig: „Vielleicht bald, Madame. Ein gewisser Mr Spencer, den Ihr Mann aus dem Club kennt, sitzt in Untersuchungshaft. Aber bis jetzt haben wir noch kein Geständnis. Madame, ich wünsche aufrichtig, dass Ihr Mann bald wieder auftaucht. Bis dahin seien Sie tapfer.“ 

Das war sie auch, das musste man ihr lassen. Als wir Mrs Earnshaw verließen, fiel uns auf dem Weg wieder der Bettler auf, der am Tag zuvor schon in den abgerissenen Klamotten auf dem Gehsteig saß. Ich fragte mich, was er in dieser Gegend zu erbetteln hoffte… aber schon bei der Ankunft an den Whitehaven Mansions schenkte ich der Frage keine Beachtung mehr. Poirot wollte den Rest des Tages seine grauen Zellen anstrengen, also fuhr ich wieder, mit einem Abstecher bei Scotland Yard um den Erpresserbrief bei Chief Inspektor Japp abzuliefern, nach Hause, noch nicht ahnend, welch unglaubliche Ereignisse der nächste Tag liefern würde.


VI

Ich war wieder bei Poirot eingetroffen und las meine morgendliche Zeitung, als ein Anruf von Mrs Earnshaw reinkam. Die überglückliche Frau rief uns an um uns die unglaubliche Nachricht zu überbringen, dass ihr Mann wieder da sei! Poirot musste auch noch einmal nachfragen um sicher zu gehen, dass er sich nicht verhört hatte. 
„Ich bin sehr neugierig zu erfahren, wie Ihr Mann wieder frei gekommen ist! Ist es möglich, dass Capt. Hastings und ich heute vorbeikommen um es direkt von Ihrem Mann zu erfahren?“
„Aber ja, Mr Poirot, Sie haben sich so sehr bemüht mir zu helfen, also meinen Mann wieder zu finden, meine ich, dass Sie uns sehr willkommen sind. Kommen Sie doch gleich vorbei!“ Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Dieses Mal waren wir so freundlich Chief Inspektor Japp direkt Bescheid zu geben. Während der ganzen Fahrt war ich sehr aufgeregt und enthusiastisch, weil die Entführung offensichtlich ein glückliches Ende genommen hatte. Poirot hingegen war die Fahrt über schweigsam und sah sehr konzentriert aus. Mrs Earnshaw öffnete die Tür, sehr kurz nachdem wir geklingelt hatten und sie strahlte über das ganze Gesicht. Ein Strahlen, das sehr ansteckend wirkte. Sie war im Vergleich zum Vortrag wie ausgewechselt. Im Wohnzimmer dann trafen wir Mr Earnshaw zum ersten Mal. 
Er sah sehr abgespannt aus, hatte Ränder unter den Augen, machte aber auch einen sehr glücklichen Eindruck auf mich. Seine verliebten Blicke wanderten immer wieder zu seiner Frau hinüber, und ich konnte merken, dass dieses glückliche Ereignis der Rückkehr von Mr Earnshaw das Ehepaar noch enger zusammen geschweißt hatte. 

Chief Inspektor Japp traf nur wenige Minuten nach uns ein.
„Monsieur Earnshaw“, begann Poirot, nachdem sie sich vorgestellt und gesetzt hatten. „Ich weiß, Sie werden diese Geschichte noch oft erzählen müssen, aber dürften wir Sie um die Güte bitten, sie auch noch einmal Captain Hastings und mir zu erzählen?“
„Ja, gerne! Sie ist eigentlich auch schnell erzählt. Also, vor drei Tagen musste ich abends etwas länger arbeiten, weil ich unbedingt noch ein paar Ringe für unsere neue Kollektion entwerfen und fertigen wollte. Das wollte ich zumindest. Ich habe mich schon etwas vor Ladenschluss hinten in die Werkstatt gesetzt und die Tür zum Verkaufsraum offen gelassen. Plötzlich kam ganz unvorbereitet ein großer breitschultriger Mann herein. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, da er sich eine Strumpfmaske übergezogen hatte. Dann meinte er zu mir und ich wusste gar nicht, was er meinte. Dann hat er noch irgendetwas gebrüllt und mich angegriffen. Zuerst hat er mich am Kragen vom Stuhl gehoben und dann hat er mich ins Gesicht geschlagen. Ich hab sofort angefangen zu bluten und konnte mich gar nicht mehr wehren. Na ja, hätte ich wohl auch so nicht gekonnt. Dann hat er seine Pistole gezogen und gesagt < Geh vor, wir machen eine nette kleine Reise. Geh zu meinem Wagen, er steht in der Henrietta Street. Wenn Du versuchst davon zu laufen, wirst Du es bitter bereuen!> Na, was sollte ich machen? Ich konnte nicht fliehen und gegen ihn kämpfen wohl schon gar nicht. Also bin ich voraus gegangen, immer vor ihm her. Können Sie sich das Gefühl vorstellen? Über den belebten Covent Garden gehen zu müssen, wo einen 1000 Menschen sehen und nichts sagen zu können, weil hinter einem einer mit einer Pistole geht, die auf Sie zielt? Einfach gruselig, kann ich Ihnen sagen! Im Auto wartete schon ein Komplize des Entführers, der uns aus der Stadt raus gefahren hat. Als wir weit genug draußen waren, hat mir der erste die Augen verbunden und mir die Hände gefesselt, von da an weiß ich nicht mehr, wie sie weiter gefahren sind. Da waren wir gerade in Barnet. Vorher wollten die mich wohl nicht fesseln, weil das wohl zu auffällig gewesen wäre. Wir sind bestimmt noch ne Stunde weiter gefahren, dann haben sie mich aus dem Wagen gezerrt und mich in einen Keller gebracht. Den haben sie abgeschlossen und mich im Dunkeln zurück gelassen. 2000 Pfund wollten die von mir haben, die ich so schnell nicht flüssig machen kann, aber das haben sie mir nicht geglaubt. Dann meinten sie, dass meine Frau die sicherlich irgendwo auftreiben könne, wenn sie erführe, dass das Leben ihres Mannes auf dem Spiel stehe. Die wollten ihr eine entsprechende Nachricht schicken und mich so lange schmoren lassen. Mit Wasser und Brot mussten sie mich versorgen, was sie auch ein paar Mal am Tage gemacht haben. Dabei wurden sie immer nachlässiger und unaufmerksamer. Jedenfalls gelang es mir heute Morgen den einen beim Bringen des Frühstücks zu überwältigen und aus dem Keller nach oben zu kommen. Ich habe mich vorsichtig zur Haustür geschlichen. Von seinem Kollegen war komischerweise nichts zu sehen. Keine Ahnung wo der grad war. Dann habe ich mich umgeschaut und festgestellt, dass ich in Sandy war. Ich hatte ja kein Geld, also musste ich trampen, was auch erstaunlich gut geklappt hat. Die letzte Stunde musste ich zwar zu Fuß laufen, aber das ging und jetzt bin ich hier!“ endete Earnshaw schließlich.

Eine Zeit lang saßen wir alle mit staunenden Mienen da, denn die Geschichte klang unglaublich. Die Entführer schienen tatsächlich sehr dumm gewesen zu sein. Schließlich beglückwünschten wir aber Mr Earnshaw zu seiner glücklichen Flucht. Die Entführer wollten wir natürlich trotzdem noch fassen beziehungsweise wollten wissen, ob Mr Spencer darin verwickelt war. Chief Inspektor Japp übernahm es jetzt die nötigen Fragen zu stellen.
„Also Mr Earnshaw, den Mann, den Sie überwältigt haben, wie würden Sie ihn beschreiben? Sein Gesicht werden Sie wohl gesehen haben.“
„Also, leider habe ich den Mann noch nie zuvor gesehen. Er war so vom Typ mittelgroß, mittelalt, ohne besondere Merkmale. Er hatte schwarze kurz geschnittene Haare und einen kurz geschnittenen Schnurrbart. Überhaupt schien er schwarz zu lieben, denn er war ganz in schwarz gekleidet. Leider kann ich Ihnen da nicht weiter helfen mit Tattoos, Schmuck oder einer Zigarettenmarke, die er geraucht hätte.“
„Tja, das ist schade, bitte sagen Sie mir Bescheid, wenn Ihnen noch was einfällt. Ein paar Details können sehr hilfreich sein, wenn wir ihn schnell finden wollen. Sagen Sie, Sie haben doch berichtet, dass der Mann, der Sie angegriffen hat, eine Strumpfmaske getragen hat. Danach sind Sie beide aber über den belebten Covent Garden gegangen. Hatte er tatsächlich die ganze Zeit über die Maske auf?“ 
Earnshaw zögerte einen Augenblick mit der Antwort. „Nein, wahrscheinlich hat er sie schell ausgezogen. Er hat mir auch verboten mich umzudrehen.“
„Aber dann später im Auto haben Sie doch nebeneinander gesessen!“ beharrte Japp.
„Ja, aber da hatte er sie schon wieder an. Tut mir leid, Chief Inspektor.“
„Was war das für ein Wagen?" 
„Ein alter Ford, T-Modell, glaube ich.“
„Und das Kennzeichen?“
„Die Nummernschilder waren schon abgeschraubt gewesen.“
Chief Inspektor Japp seufzte. „Was können Sie mir über das Haus sagen, in dem Sie gefangen waren? Würden Sie das wieder finden? Es wäre hilfreich, sich dort einmal umzusehen.“
„Ja, ich denke, das würde ich wieder finden. Es ist ein altes Bauernhaus, das ziemlich abgelegen liegt. Ein gutes Versteck für Kriminelle, wenn man darüber nachdenkt.“
„Eigentlich nicht. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es besser ist, jemanden in einer belebten Gegend gefangen zu halten. Keiner scheint etwas zu bemerken. Wenn allerdings in einem abgelegenen Haus plötzlich Leben einkehrt, werden die Leute neugierig und wollen wissen, wer die Neuen sind. Vielleicht haben wir Glück und jemand hat etwas mehr gesehen als Sie. Würden Sie mit uns mitkommen um uns zum Haus zu führen?“
„Ich kehre zwar nur ungern an diesen Ort zurück, aber ich werde es gerne versuchen, Sie hinzuführen.“
„Warum haben Sie eigentlich nicht versucht, die nächste Polizeistation in Sandy zu finden und sofort mit Verstärkung zum Haus zurück zu kehren?“ fragte Japp sichtlich ungehalten. 
„Ich wollte einfach nur noch weg. Soweit wie möglich! Ich hatte Angst, der andere könnte es gemerkt oder gesehen haben, dass ich weg bin und mich verfolgen. Außerdem wollte ich so schnell wie möglich zurück zu Agatha um ihr zu zeigen, dass es mir gut geht.“ Die beiden warfen sich verliebte Blicke zu. 
Ich fand das wirklich rührend; Japp fand das seinem Gesichtsausdruck nach einfach nur noch nervend.
„Wissen Sie eigentlich, warum die Entführer 2000 Pfund von Ihnen wollten?“ fragte Japp weiter.
„Nein, eigentlich nicht. Ich bin Juwelier, vielleicht dachten die Entführer, ich wäre reicher und es würde sich lohnen.“
„Die hätten doch auch einfach Ihren Laden ausrauben können.“
„Ja, sicher. Allerdings verfügt mein Laden über eine effektive Alarmanlage, und tagsüber ist der Covent Garden sehr belebt, sodass es immer Zeugen geben würde. Ich habe das immer als Sicherheitsfaktor betrachtet. – Bis jetzt.“
Mir brannte die Frage auf der Zunge, ob er wirklich Spielschulden habe, wollte die Frage aber nicht in Gegenwart seiner Ehefrau stellen. „Also dann, Mr Earnshaw, lassen Sie uns losfahren!“
Plötzlich schien Mrs Earnshaw etwas einzufallen. „In Sandy hat meine Mutter doch dieses alte Bauernhaus noch. Es steht schon lange leer, weil sie ja jetzt hier wohnt. Sie hat es einfach noch nicht übers Herz gebracht es zu verkaufen. Kann ich nicht einfach mitkommen, Schatz? Dann kann ich mir noch mal angucken, in welchem Zustand es ist!“
„Ach Schatz, warum willst Du Dir das denn antun? Das wird eine ziemlich stressige Fahrt und mein Gefängnis war wirklich nicht schön! Wenn Du willst, kann ich mir ja auf dem Rückweg das Haus noch mal anschauen und die Holzwürmer zählen.“ 
Mrs Earnshaw wirkte enttäuscht, sagte aber nichts. Wir fuhren also ohne Mrs Earnshaw nach Sandy. Als wir das Haus verließen, fiel mir auf, dass der Bettler nicht mehr da war. Da das aber auch Zufall sein konnte, behielt ich diese Beobachtung für mich.


----> Fortsetzung folgt ;-)





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