VII
Mr
Earnshaw führte uns recht sicher zu dem alten Haus, Sandy war aber auch keine
große Stadt, also nahm die Suche auch nicht zuviel Zeit in Anspruch. Das Haus
sah wirklich so aus, als wäre es jahrelang nicht bewohnt worden. Die Polizisten
gingen zuerst ins Haus, nur für den Fall, dass die Entführer immer noch dieses
Haus als ihr Quartier gewählt haben könnten. Es war aber niemand mehr da.
„Der
Vogel ist ausgeflogen“, meinte Japp trocken. Sehr zu unsrem Leidwesen schienen
die Entführer noch einmal aufgeräumt zu haben, bevor sie das Haus verlassen
hatten. Nirgendwo gab es verräterische Spuren. Keine Zigarettenstummel oder
Kaffeetassen, an denen Fingerabdrücke zu sehen gewesen wären. Es war, als ob
Geister den armen Mr Earnshaw entführt hätten. Er zeigte uns den Raum im
Keller, in dem er gefangen gehalten worden war. Da waren noch Reste von
Zwieback und ein zerbrochenes Wasserglas. Außerdem ein übel riechendes Loch,
das in den Boden gegraben und als Abort benutzt worden war.
„Ich habe selten
gesehen, dass Entführer so gründlich im Spuren verwischen sind. Irgendwas
übersehen sie für gewöhnlich. Noch dazu Nichtraucher! Wirklich zu schade, dass
Sie nichts von ihnen gemopst haben, als Sie geflohen sind. Wo stand eigentlich
der Wagen?“
„Der
müsste da gestanden haben, wo Ihrer jetzt steht, Inspektor.“
„Seltsam
ist nur, dass ich gar keine Reifenspuren gesehen habe, als wir angekommen
sind!“ sagte Chief Inspektor Japp argwöhnisch.
„Es
hat auch schon länger nicht mehr geregnet. Ihr Wagen wird wohl auch keine
sonderlichen Spuren hinterlassen haben.“
Chief Inspektor Japp schaute ihn
überrascht an. Soviel Mitdenken war er wohl nicht gewöhnt.
„Na
gut“, meinte Japp verdrießlich. „Wir befragen jetzt die Nachbarn, was sie
gesehen haben. Irgendjemand wird schon etwas bemerkt haben!“
Ich hatte da so
meine Zweifel, denn die Gegend war sehr dünn besiedelt. Nur drei Häuser waren
in Sichtweite, da der alte Bauernhof an drei Seiten von weitläufigen Feldern
umgeben war. Da wir noch am selben Tag wieder nach London fahren wollten, teilten
wir die Zeugenbefragungen unter uns Dreien auf. Mr Earnshaw meinte, da es ja
zahlenmäßig so perfekt aufginge die Zeugen zu befragen, könne er nach dem Haus
seiner Schwiegermutter sehen, wie er es seiner Frau versprochen hatte. Es sei
nicht weit und er könne danach zum Auto zurückkehren. Wir fanden das sehr
effektiv gedacht und Mr Earnshaw ging zu Fuß die Straße runter, in Richtung
altes Bauernhaus.
Chief Inspektor Japp klingelte bei dem Haus, das dem
verlassenen Bauernhof direkt gegenüber lag. Eine junge Frau machte ihm auf und zwei
kleine Kinder drängten sich neugierig zwischen Tür und die Beine der Frau.
„Guten
Tag, Madam Chevenix! Ich bin Chief Inspektor Japp von Scotland Yard“, stellte
sich Japp vor. „Ich möchte nicht lange stören, aber wir ermitteln in einem
Entführungsfall, bei dem Sie uns vielleicht helfen können. Der Entführte wurde
wohl zwei Tage lang in dem Haus auf der anderen Straßenseite festgehalten.
Haben Sie irgendetwas Auffälliges bemerkt in letzter Zeit? Sind neue Leute hier
aufgetaucht oder Autos, die Sie noch nie vorher hier gesehen haben?“
Mrs
Chevenix dachte eine Zeit lange angestrengt nach, sagte dann aber: “Nein,
tut mir leid, mir fällt nichts ein. Aber wissen Sie, meine Kinder hier waren
die letzten Tage auch krank, sie hatten die Windpocken. Ich war immer damit
beschäftigt sie wieder gesund zu pflegen, also hätte ich wohl so oder so nichts
weiter bemerkt, was draußen vor sich geht. Aber eine Entführung sagen Sie?
Direkt hier gegenüber? Das ist ja furchtbar! Man hört ab und zu im Radio davon, dass so was passiert, aber
dass sich das hier vor unserer Haustür abgespielt hat! Unglaublich! Wer ist
denn entführt worden?“
„Ein
Juwelier aus London. Aber so wie es aussieht konnte er fliehen und er ist jetzt
schon wieder frei. Wissen Sie etwas über das Haus selbst?“
„Ach,
der ist schon wieder frei? Das können ja keine besonders schlauen Verbrecher
sein!“ meinte sie spöttisch. „Alles was ich Ihnen sagen kann ist, dass das Haus
schon lange verlassen ist. Früher haben da mal die Barrs gewohnt. Aber seit die
alte Frau in London bei dem Rest ihrer Familie wohnt ist dort noch niemand
neues eingezogen. Nicht weil es da spukt, sondern weil viel reingesteckt werden
müsste.“
„Die
Barrs, sagen Sie? Können Sie sich noch an Vornamen erinnern?“ frage Japp mit
neu erwachtem Interesse.
„Die
alte Frau hieß Cornelia, das weiß ich noch. Wie die Tochter heißt, weiß ich
leider nicht mehr, aber die wird in der Zwischenzeit geheiratet haben und heißt
jetzt bestimmt ganz anders.“
„Schade,
aber wenn er Ihnen noch einfällt, oder sonst irgendwas, dann rufen Sie mich
bitte an. Hier ist meine Karte.“
„Ja,
das werde ich machen“, antwortete Mrs Chevenix höflich.
Eins der Kinder mischte
sich plötzlich ein. „Sind sie Polizist?“ Japp nickte. „Und Sie können
Entführungen aufklären?“ Wieder Nicken. „Ich habe auch einen Fall für Sie:
Meine Mama ist auch schon mal entführt worden! Von Papa. Sie meinte, er hätte
sie ins Reich der Sinne entführt oder so. Wo ist denn das? Weit kann es ja
nicht sein, denn sie waren schon am nächsten Morgen wieder da! Aber ich habe
noch nie davon gehört.“
Japp konnte musste ein Lächeln unterdrücken und sah nur
kurz zu Frau Chevenix herüber, die leicht errötete. Dann meinte Japp ganz
väterlich: „Wenn ihr zusammen spielt, tut ihr doch auch manchmal so, als ob ihr
z.B. in Indien wärt, obwohl ihr noch nie da wart, richtig? Ich bin sicher, Eure
Eltern haben diese Entführung auch nur gespielt. Das Reich der Sinne liegt
direkt neben Indien, und wenn sie am nächsten Morgen schon wieder da waren,
haben sie eben auch wie ihr ein Spiel gespielt!“
„Oh,
ach so! Spielt Ihr noch, Mama?“
„Ja,
mein Schatz!“ meinte Mrs Chevenix ganz ernst, mit einem dankbaren Seitenblick
auf Chief Inspektor Japp.
Dieser
verabschiedete sich nun lächelnd und ging zum Wagen zurück.
Unterdessen war ich ein Haus weiter bei Mr Volta, der
ganz entgegen dem, was sein italienisch klingender Nachname hätte vermuten
lassen, Engländer war und ein wortkarger noch dazu. Schon beim Öffnen der Tür
machte er ein mürrisches Gesicht, das klar zeigte, dass ich ihn störte. Als ich
ihm erläuterte, dass im Haus gegenüber ein Mann nach einer Entführung zwei Tage
lang festgehalten worden war, sagte er zwar: „Echt?“, aber sein Gesicht
verriet, dass ihn das nicht im Mindesten interessierte. Auf mein Fragen hin meinte
er, er habe in den letzten zwei Tagen nichts Auffälliges in dem Bauerhaus
gesehen, weil er gestern Abend erst wieder zurück gekommen sei. Das hier sei
nur sein Ferienhaus. Er sei aber auch nicht der Typ Mensch, der sich in die
Angelegenheiten anderer einmische, genauso wenig wie er möchte, dass man sich
in seine Angelegenheiten mische.
Es war wirklich anstrengend mit dem
verschlossenen Mr Volta zu reden. Nur um Smalltalk zu machen, fragte ich,
welche Arbeit ihn denn so gefesselt habe, dass er nichts von der Entführung
gegenüber gemerkt habe.
„Sind Sie von der Polizei?“ fragte er misstrauisch
zurück. Ich verneinte. „Also, ich bin Tierpräparator, wissen Sie. Das ist ganz
schön Arbeit, das können Sie mir glauben! Manchmal denke ich, die ganze
Schickeria fährt nach Afrika oder in den Amazonas nur um sich ein paar
exotische Tiere zu schießen, über die sie gar nichts wissen, geschweige denn
wie viele es noch davon gibt. Aber jeder will sich das letzte Exemplar sichern!
Na, mich geht’s nichts an, das ist Sache der Politiker, ich präpariere die
Viecher nur. Ich habe meine Werkstatt direkt auf der „Emerald of the Seas“
eingerichtet. Da bearbeite ich die Dinger solange sie noch halbwegs frisch
sind! Ich erzähle Ihnen das nur, weil die Polizei mich öfter mal fragt, woher
ich die Tiere bekomme, die ich präpariere. Als ob ich die Herkunft nicht
überprüfen würde! Ich habe auch so genug zu tun!“
Ich hörte mir diesen Vortrag
aufmerksam an, fraget mich jedoch, warum er auf einmal so beredt war. Hatte er
doch ein schlechtes Gewissen? Ich hatte schon oft beobachtet, dass Menschen,
die etwas verbergen wollten, mit einem Mal richtig geschwätzig wurden um ihre
Unschuld zu bekunden noch bevor man ihnen etwas vorgeworfen hatte. Ich verließ
Mr Volta mir einem freundlichen Gruß und fragte mich beim Zurückgehen warum
ausgerechnet ich den uninteressantesten Zeugen bekommen hatte und Poirot wie
selbstverständlich aus den Aussagen seiner Zeugen die richtigen
Schlussfolgerungen zusammenpuzzeln konnte.
Poirot klingelte bei Familie Cooper. Ein junger,
intelligent aussehender Mann öffnete die Tür.
„Sie wünschen?“
„Guten
Tag, mein Name ist Hercule Poirot. Sind Sie Monsieur Cooper?“
„Shawn
Cooper, ja, der bin ich.“ Eine neugierig schauende Katze erschien plötzlich in
der Tür, zu Shawns Füßen. „Und das ist Tiddles, mein Kater“, meinte er
amüsiert.
Poirot musterte das Tier. Er mochte Katzen zwar, aber wer sich jeden
Morgen minutenlang seinen Anzug bürstet, bevor er das Haus verläst, und eine
Phobie vor Haaren auf der Kleidung hat, möchte Katzen nicht zu nahe kommen.
„Wenn ich ein paar Minuten Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen dürfte,
würde ich Ihnen gerne ein paar Fragen zu einem Entführungsfall stellen.“
„Eine
Entführung? Wie kann ich da helfen?“ fragte Mr Cooper aufgeregt.
„Sie
könnten mir sagen, ob Sie in den letzten zwei Tagen etwas Ungewöhnliches
bemerkt haben, das sich in dem alten Bauernhaus schräg gegenüber abgespielt
hat. Haben Sie Leute bemerkt, die neu hier sind oder ein unbekanntes Auto, das
dort geparkt hat?“ fragte Poirot.
„Nicht
in den letzten zwei Tagen, Mr Poirot. Aber vor vier Tagen habe ich dort ein
neues Auto bemerkt!“ erwiderte Cooper eifrig.
„Können
Sie das Auto näher beschreiben?“
„Es
war ein Austin, ziemlich schmutzig, würde ich sagen.“
„Ah.
Das ist interessant. Wie lange war das Auto denn hier?“ fragte Poirot.
„Hm.
Lassen Sie mich überlegen… Ich kam von der Arbeit zurück, da stand es schon da.
Als es dämmerte bin ich ans Fenster gegangen um die Läden zu schließen, da war
es schon nicht mehr da. Nur wenige Stunden würde ich sagen.“
„Den
Fahrer haben Sie also nicht gesehen?“
„Nein,
da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich habe auch einen flüchtigen Blick zum Haus
rüber geworfen, aber niemanden gesehen. Das wäre aber auch ein
unwahrscheinlicher Zufall gewesen. Die Person hätte schon genau an einem
Fenster stehen müssen. Aber sagen Sie mal, wer ist denn entführt worden?“
„Ein
Juwelier aus London. Glücklicherweise ist er aber in der Lage gewesen zu
fliehen und ist jetzt schon wieder bei seiner Frau. Natürlich versucht die
Polizei trotzdem den Entführer zu finden.“
„Und
der große Poirot hilft der Polizei mal wieder bei den Ermittlungen!“ meinte
Shawn Cooper mit glänzenden Augen. „Ich hoffe, ich konnte mit meiner Aussage
einen kleinen Teil zur Lösung beitragen. Aber ehrlich gesagt ist es das erste
Mal, dass ich höre, dass ein Entführter seinem Entführer entkommen konnte. Der
muss ja ziemlich blöd gewesen sein! Aber vielleicht kommt das doch schon mal
vor, nur liest man dann nie davon in der Zeitung. Was meinen Sie?“
„Vielleicht
nicht in einer großen Zeitung. Aber doch sicherlich in den
Sensationsblättchen“, meinte Poirot. „Meiner Meinung nach ist der Fall schon
außergewöhnlich. Vielleicht werden Sie bald in der Zeitung davon lesen“, sagte
er.
„Ich
werde die Augen danach offen halten“, erwiderte Cooper, immer noch mit
glänzenden Augen, ganz aufgeregt darüber dem großen Detektiv gegenüber zu
stehen. Plötzlich blickte er nach unten. Die Katze zerrte mit einer Pfote an
seinem Hosenbein. „Oh, Tiddles muss noch sein Abendessen bekommen“, meinte er
verlegen.
„Gut,
dann will ich Sie nicht länger aufhalten“, meinte Poirot schmunzelnd. „Au revoir!“
Als
wir vier wieder nach London zurück fuhren, machten drei von uns einen ziemlich
niedergeschlagenen Eindruck. Nur Poirot saß mit einem Funkeln in den Augen
ruhig da und wirkte seltsamerweise ganz zufrieden. Wir waren fest davon
überzeugt, nichts aber auch gar nichts Wichtiges herausgefunden zu haben,
während unser kleiner Freund ein wissendes Gesicht machte, als habe er den Fall
schon so gut wie gelöst. Dennoch hüllte er sich in Schweigen. Als wir Mr
Earnshaw wieder zu Hause ablieferten, kam uns Agatha Earnshaw schon entgegen.
Sie lud uns freundlich ein, zum Abendessen zu bleiben. Die Herrin des Hauses
schien ihre Vorliebe für indisches Essen entdeckt zu haben, eine Küche, die
Poirot nicht mochte, die hier aber ganz ausgezeichnet zubereitet war. Während
des Essens berichteten wir der neugierigen Frau Earnshaw, wie es im Haus, in
dem ihr Mann festgehalten wurde, ausgesehen hat und was die Nachbarn erzählt
hatten. Mr Earnshaw erzählte seiner Frau munter wie das Bauernhaus ihrer Mutter
aussah. Er erzählte ihr schon fast überschwänglich, wie gut es noch in Schuss
sei und dass er noch nicht mal Ratten entdeckt habe.
Mrs Earnshaw bekam plötzlich
einen sehr glücklichen Gesichtsausdruck und verkündete gut gelaunt: „Meine
Schwester und ihr Mann wollen der November-Depression vorbeugen und geben am
Sonntag ein großes Gelage auf ihrem Hof. Der ursprüngliche Grund war, dass sie
ein gutes Geschäft mit ihrer Schweinezucht dieses Jahr gemacht haben. Aber
jetzt, da Du gesund zurück bist, Schatz, soll das natürlich gefeiert werden! Du
sollst auch hinkommen und alle Freunde mitbringen, die gut Essen wollen! Oh, Mr
Poirot, Mr Hastings und Chief Inspektor Japp, Sie müssen auch kommen!“
Ihr
Tonfall war so überschwänglich, dass wir merkten, dass sie sehr enttäuscht sein
würde, wenn wir nicht an dem Essen teilnehmen würden.
Mein Freund verkündete:
„Madame, es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein, an dem Gelage, wie Sie
es nennen, teilzunehmen.“ Ich wusste schon, dass er sich dieses gute Essen
nicht entgehen lassen würde.
Wir
fuhren im Dienstwagen des Chief Inspektors zurück zu den Whitehaven Mansions. Japp
meinte überraschenderweise: „Für mich ist dieser Fall abgeschlossen! Ich meine,
wir haben nicht die geringsten Anhaltspunkte wer und wo die Entführer sein
könnten, dank ihrer Gründlichkeit und – leider – der schlechten
Beobachtungsgabe von Earnshaw. Außerdem ist er ja gesund und munter wieder
zurückgekehrt! Meine Chefs machen mir auch schon die Hölle heiß wegen dem
Einbruch im Syon House. Ich soll die Brilliantkette unbedingt wieder finden,
weil sie mal dem Duke of Northumberland gehört haben soll. Diese Adelsfamilie
kennt den Chef von Scotland Yard persönlich. Sie können sich ja vorstellen wie
wichtig diese Kette auf einmal für England ist! “ Japp imitierte dabei die offensichtlich recht
hohe Stimme des Chefs von Scotland Yard.
„Was
ist das genau für eine Kette?“ zeigte sich Poirot auf einmal interessiert.
„Poirot, ich habe Ihnen doch aus der Zeitung vorgelesen, erinnern Sie sich
nicht mehr? Die Kette ist 5000 Pfund wert und mit 99 Brillianten besetzt. Sie
sind in Sterling-Silber gefasst, und der Verschluss ist als zwei miteinander
kämpfenden Löwen geformt. Beschreibe ich Kette richtig, Chief Inspektor?“
„Ja,
genau die ist es! Sie war eine Leihgabe der Familie ans Museum. Sie hing da
aber schon einen Monat und dies ist nun der erste Einbruch in das Museum
überhaupt. Ich weiß nicht, warum der Dieb nur dieses Stück gestohlen hat und
das wertvollste dort gelassen hat!“
„Was
wäre denn das Wertvollste gewesen?“ fragte ich neugierig dazwischen.
„Irgend
so eine alte chinesische Vase aus der keine-Ahnung-welchen Dynastie. Potthässlich
das Ding!“
„Vielleicht
hatte der Dieb ja Sinn für Ästhetik“, witzelte ich. „War die Vase denn besser
gesichert als die Kette?“ fragte ich.
„Nein,
die waren beide gleich schlecht geschützt. Sie standen nur in Glasvitrinen,
Alarmdrähte hatte man sich gespart! Manche sind eben zu leichtgläubig. Der Dieb
hat sich wohl im Museum einschließen lassen, hat einen Wächter hinterrücks
überfallen, die Schlüssel geklaut und hat mit dessen Schlagstock die Vitrine
eingeschlagen. Dann, bevor die anderen Wächter zu Hilfe eilen konnten, ist er
mit der Kette geflohen, hat die Museumstür von außen abgeschlossen und hat die
Schlüssel weggeworfen. Niemand kann mir eine Täterbeschreibung liefern oder hat
ein Fluchtfahrzeug gesehen. Es ist zum Auswachsen! Natürlich haben wir bei
allen Juwelieren der Stadt und in den Vororten Durchsuchungen gemacht, ob sie
die Kette oder einzelne Brillianten gekauft haben. Nichts! Alle Goldschmiede
scheinen heute ehrlich zu sein oder werden sogar entführt!“ schimpfte Japp. Er
schaute Poirot von der Seite an. „Was würden Sie machen, mein Freund?“
„Nachdenken.
Ich würde meine kleine grauen Zellen anstrengen und mir überlegen, was für eine
Art Mensch der Dieb wohl ist und wo er die Kette verstecken kann, bis niemand
mehr danach sucht.“
„Wer
hätte das gedacht!“ murmelte Japp.
VIII
Am
nächsten Abend war er aber schon wieder viel besserer Laune, als sie zusammen
zu den Ackenthorpes zum „Gelage“ fuhren. Es waren bestimmt 20 Leute dort, die
meisten Landwirte aus der Gegend, die auch gute Geschäfte gemacht hatten, aber
auch einige Freunde der Earnshaws wie z.B. die Lawrences und die drei Herren
aus dem Club, die wir schon kannten: Grange, Webber und Staunton.
Die
Kinder der Familie benahmen sich etwas flegelhaft, wie ich fand. Sie waren zwar
sehr gut angezogen, dem Festmahl entsprechend, aber redeten ungehörig laut
durcheinander und tranken ein grell orange leuchtendes Getränk, das mir bis zu
diesem Tag unbekannt war. Ich fragte bei der Gastgeberin nach. „Das ist Irn
Bru, Verehrtester! Eine Limonade, die in Schottland sehr beliebt ist; viel
besser als Cola! Und natürlich kennen nur wir das Geheimrezept dazu! Nicht
wahr, Schwesterherz?“ sagte sie lachend, wobei sie ihre Schwester ansah.
„Ach,
Mildred, jetzt nimm doch den guten Captain nicht auf dem Arm. Nur weil wir
zufällig denselben Mädchennamen haben wie diese Firma (Barr), heißt das nicht
gleich, dass wir sie besitzen. Dann könnten wir auch vollständig aufhören zu
arbeiten! Meine Schwester träumt glaube ich davon“, sagte sie leiser zu mir
gewandt.
Beim
guten und reichhaltigen Essen auf dem Hof wurde munter geplaudert und natürlich
war die „missglückte“ Entführung das Thema Nr.1. Nachdem man sich noch einmal
gemeinsam darüber amüsiert hatte, dass die Entführer aber „nicht gut genug auf
den kleinen Archie aufgepasst hätten“, fragte Poirot die Gastgeberin: „Madame
Ackenthorpe, wie ich hörte haben Sie hier eine gut gehende Farm. Der
ursprüngliche Grund für dieses vorzügliche Festessen war ein gutes Geschäft,
wie ich hörte.“
„Da
haben Sie richtig gehört, Mr Poirot!“ antwortete die Gastgeberin stolz. Wissen
Sie, unsere Schweinzucht läuft von Jahr zu Jahr besser. Wir verdienen ganz gut
mit dem Fleisch. Vielleicht erweitern wir die Ställe noch ein Mal. Das Fleisch,
was Sie gerade essen ist natürlich das von unseren eigenen Schweinen. Es ist
noch ganz frisch! Erst vorgestern haben wir die Schweine schlachten lassen und
wir haben darum gebeten, uns die besten Stücke für unsere kleine Feier hier zu
schicken!“
„Die
haben Sie auch bekommen, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten. Dies sind die
besten Stücke Schweinebraten, die ich seit langem gekostet habe“, schmeichelte
Poirot mit einem ehrlichen Lächeln. Man sah ihm an, dass er den Abend in vollen
Zügen genoss. Ein Abend mit gutem Essen serviert mit französischem Wein, dazu
noch viele interessante Gesprächspartner; mehr brauchte er nicht um sich wohl
zu fühlen. Wie um Smalltalk zu machen fragte er Mrs Ackenthorpe: „Man möchte
bei so hohem Genuss gar nicht daran denken, was die Tiere erleiden müssen. Vor
allem der Tiertransport über weite Strecken auf kleinstem Raum müssen doch eine
Tortur sein!“
„Mr
Poirot, wo denken Sie hin?! Mal abgesehen davon, dass wir hier von Tieren
reden, von denen ich nicht denke, dass sie auf dieselbe Weise leiden wie wir,
ist die Fahrt doch nur 5 Meilen lang. Der Schlachthof ist doch direkt in
Dulwich Village!“
„Oh,
pardon, Madame! Unter diesen Umständen kann man ja kaum von großem Leiden
sprechen und den Braten auch genießen.“ Die anderen Gäste, die diese
Unterhaltung gehört hatten, lachten und betrachteten die Angelegenheit damit
für erledigt.
Poirot
beobachtete die anderen Gäste mit seinem Adlerblick. War da bei einem der Gäste
das Lachen etwas gekünstelt? Natürlich musste das nichts heißen, schließlich
war das Thema nicht so amüsant und mit einem guten Stück Braten zwischen den
Zähnen sollte man in solch einer Gesellschaft sowieso nicht offen loslachen.
Captain Hastings unterhielt sich sehr angeregt mit der nur wenig jüngeren
Nichte von Mrs Earnshaw, wahrscheinlich über Autos oder über das Jagen, dachte
Poirot vergnügt. Was immer es war, es schien sie zu interessieren. Die drei
ehrenwerten Herren aus dem Club schienen sich nicht nur fürs Spielen zu
interessieren sondern auch für die Anekdoten der Bauern. Wahrscheinlich kamen
sie sonst nicht mit Männern aus dieser Bevölkerungsschicht zusammen. Alles in
allem ein fröhlicher Abend, der vor allem für mich zu schnell endete.
IX
Am
nächsten Morgen machte mein Freund einen höchst selbstzufriedenen und
selbstbewussten Eindruck, als ich sein Büro betrat. Auf meine Frage hin, was
der Grund dafür sei, meinte er nur: „Der Fall ist gelöst, mon ami!“
Ich
muss zugeben, dass ich überrascht war, obwohl ich schon die Lösung von manch
verzwicktem Fall miterlebt hatte. „Sie wissen also, wer Earnshaw entführt hat?“
fragte ich.
„Ja,
das weiß ich auch, aber diesen Fall meinte ich gar nicht! Ich weiß, wer die
Brilliantkette gestohlen hat!“ Das saß.
Ich stand wohl erst mal ein paar
Sekunden mit offenem Mund da, während ich überlegte, wann Poirot sich mit
diesem Fall beschäftigt hatte. Hatte mein Freund eine Zeitreise gemacht um aus
einem guten Versteck heraus den Raub noch einmal live mitzuerleben? Oder wie
konnte er das ermittelt haben?
„Das
ist ja toll!“ brachte ich heraus. „Wer war es denn nun?“
„Das,
mein Freund, könnten Sie sich ebenfalls denken, wenn Sie alle Fakten methodisch
zusammen tragen“, meinte er verschmitzt lächelnd. Ich möchte Ihnen etwas Zeit
geben ebenfalls darauf zu kommen, es ist auch
nicht schwer, wenn Sie dabei annehmen, dass die beiden Fälle miteinander
verknüpft sind“, versuchte er mich zu vertrösten.
Ich wollte gerade einwenden,
dass er ruhig mal mit seinen Geheimnissen schneller herausrücken könne, da
machte er einen guten Vorschlag.
„Ich
denke, mon ami, dass eine
ordentliche Mahlzeit Sie durchaus erleuchten und weiterbringen könnte, was
halten Sie davon, wenn ich heute koche?“
„Da
sage ich nicht nein!“ Ich freute mich, da es selten genug vorkam, dass mein
Freund seine hervorragenden Kochkünste unter Beweis stellte.
„Très bien,
dann gibt es heute Stoemp. Aber ich muss noch einkaufen. Bis gleich,
Hastings!“
Was
es an diesem Tag gab, war wirklich sehr sonderbar. Geruch, Farbe und Konsistenz
des Hauptgangs, den Poirot gezaubert hatte waren dieses Mal alles andere als
anregend für meine Sinne und ich hatte Mühe dennoch aufmunternd zu lächeln.
Poirot hingegen hatte ein Lächeln aufgesetzt und er schien es zu genießen. „Was
halten Sie von diesem Aroma, Hastings?“ fragte er gut gelaunt.
„Es
ist, äh.. sehr interessant“, antwortete ich verlegen.
„N’est-ce pas? An was erinnert Sie das?“
„Na
ja, es ist wohl unverkennbar aus Schweineblut gemacht (Man muss es mögen,
dachte ich). Irgendwo habe ich diesen Geruch in letzter Zeit schon einmal in der
Nase gehabt…“
„Précisément!“ rief mein Freund mit leuchtenden Augen. „Und ich
kann Ihnen auch sagen, wo: Im Juwelierladen am Covent Garden, vor vier Tagen!“
Ich war erst mal sprachlos.
„Aber
das würde ja bedeuten: Mr Earnshaw ist entweder ein Schwein oder das Blut ist
gar nicht von ihm… jemand hat Schweineblut absichtlich dort verteilt!“ fand ich
schließlich meine Sprache wieder.
„Genau, Hastings! Was kann man daraus
schließen?“
„Dass
uns jemand glauben machen wollte, Mr Earnshaw sei entführt worden, was gar
nicht der Fall ist!“
„Zu
diesem Schluss bin ich ebenfalls gekommen. Mr Earnshaw hat sich selbst
entführt! Er wollte untertauchen und niemand - nicht einmal seine Frau - sollte
etwas davon erfahren.
„Vor
wem wollte er sich verstecken? Vor Spencer etwa, wegen der Spielschulden?“
„Ich
denke, Hastings, dass er sich in erster Linie vor der Polizei verstecken
wollte. Schließlich hatte er gerade eben erst eine Brilliantkette im Wert von
5000 Pfund erbeutet!“ Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb mein Mund recht lange
offen stehen.
„Wieso?
Woher wollen Sie so genau wissen, dass Earnshaw die Kette gestohlen hat?“
„Zunächst
einmal ist es schon ein bemerkenswerter Zufall, dass die Kette am selben Tag
gestohlen wurde, an dem Monsieur Earnshaw „entführt“ wurde.“
„Ja,
das ist mir auch schon aufgefallen, aber das heißt doch noch lange nicht…“
unterbrach ich ihn.
Aber er hob schon abwehrend die Hände. „Lassen Sie mich am
besten von Anfang an erklären, mon ami! Als mir klar geworden war, dass das Blut, das wir in seinem Laden
fanden, nicht von ihm selbst stammen konnte, hatte ich schon den Verdacht, dass
er nicht entführt worden war. Nach der überraschenden Rückkehr von Mr Earnshaw
erhärtete sich der Verdacht immer weiter, dass nichts so war, wie es schien.
Zunächst die Tatsache, dass er überhaupt zwei Entführern einfach so entkommen
konnte. Dann sein Fehler nicht zur Polizei zu gehen. Dort wäre er doch viel
sicherer gewesen, als mit völlig fremden Menschen die weite Strecke nach London
zurück zu fahren. Gut, nehmen wir für einen Moment an, er sei wirklich völlig
übereilt zurückgekehrt um seine geliebte Frau wieder zu sehen, mit der er immer
vereint sein will. Warum reagiert er so abweisend auf ihren Vorschlag mit uns
allen zurück zum Tatort zu fahren um einen Blick auf das alte Bauernhaus zu
werfen, das im selben Ort steht?“
„Ja,
warum eigentlich?“
„Mon dieu, Hastings! Das Bauernhaus, dass er uns gezeigt hat –
in dem er angeblich gefangen war - war das Haus, das seine Frau sehen wollte!“
„Aber
er ist doch in den Ort gegangen…“
Poirot
seufzte tief. „Was hätte er denn sonst machen sollen? Er hätte ja wohl kaum
überrascht ausrufen können Außerdem hat ein Nachbar das Auto von Monsieur
Earnshaw einige Tage vor der „Entführung“ wieder erkannt. Anscheinend wollte er
das Haus schon mal „herrichten“. Was
aber alles klar machte, war ein Anruf, den ich heute Morgen gemacht habe. Ich
habe bei diesem Schlachthof angerufen, zu dem Mrs Ackenthorpes Schweine gebracht
worden sind. Ich habe den Chef gefragt, ob bei ihm kürzlich jemand neu
eingestellt worden ist. Ein gewisser Mr Roderick ist erst vor drei Tagen neu
eingestellt worden. Ein sehr fleißiger Mann, hat man mir erzählt. Wollte am
liebsten alles selbst machen, hat auch nachts gearbeitet. Er wollte unbedingt
die Mägen und Därme der armen Tiere ausnehmen. Eine Arbeit, um die sich sonst
keiner reißt. Dann nach zwei Nächten, als ob er sich überarbeitet habe, klagt
er über Übelkeit, fährt schnell nach Hause und kam seit dem nicht mehr wieder.
Der Geschäftsführer musste ihn leider entlassen. Ich entnehme Ihrem Gesicht,
dass Sie nicht wissen, wie Sie diese Episode in unseren Fall einbauen sollen.
Darauf komme ich gleich. Wissen
Sie noch, wie sein Auto aussah, als wir es am Covent Garden fanden?“
„Oh
ja, mein erster Gedanke war, dass es mal dringend eine Wäsche nötig habe!“
antwortete ich, immer noch verdutzt.
„Genau,
es war mit Schlamm bedeckt. Ich fragte mich, auf welcher Strecke er das Auto so
schmutzig gemacht haben könnte. Die Straßen zwischen der Innenstadt und seinem
Haus sind alle befestigt, wie Sie sicher schon bemerkt haben. Dort also nicht.
Auf der Fahrt nach Norden auch nicht, denn es hatte bei dem alten Bauernhaus
schon länger nicht mehr geregnet. Hier aber schon, ich erinnere mich noch
daran. Er musste also einen unbefestigten Weg hier in der Nähe gefahren sein.
Und zwar direkt vor seiner Flucht, denn er hatte wohl keine Zeit mehr, das Auto
zu säubern. Wo war er also wohl gewesen? An demselben Ort, von dem er auch das
Schweineblut hat. Auf dem Anwesen der Ackenthorpes! So, können Sie jetzt
erraten, wo er die Brillianten versteckt hat, die er kurz zuvor gestohlen hat?“
„Nein!“
gestand ich frei heraus.
Poirot
setzte hier wieder einmal sein schelmisches Lächeln auf. „Er hat sie
buchstäblich vor die Säue geworfen, fast wie es in ihrem schönen Sprichwort
heißt! Genauer gesagt hat er sie an eine speziell markierte verfüttert“
verkündete er. „Natürlich mit der Absicht, sie sich später wieder zu holen.“
„Ah,
jetzt ist mir der Rest klar“, warf ich ein. „Direkt danach fuhr er zurück in
die Stadt, täuschte im Laden seine Entführung vor, in dem er das Schweineblut
verteilte und Unordnung machte. Dann flüchtete er zu Fuß oder mit der U-Bahn in
sein Versteck und arbeitete bei dem Schlachthof genau so lange, bis er die
markierte Sau zerlegt hatte und die Brillanten gefunden hatte. Anschließend kam
er einfach in sein Haus zurück. Aber warum hat er sich ausgerechnet Schweine
für sein Versteck der Edelsteine ausgesucht? Warum so kompliziert?“
„Darüber
kann ich nur mutmaßen. Klar ist, dass er ein sicheres Versteck gesucht hat.
Wenn er die Brillianten behalten hätte, hätte die Polizei sie bei ihm gefunden,
ebenso im Laden, denn er wusste, dass alle Juweliere nach einem solchen Raub
überprüft werden würden, ob sie die Kette gekauft haben. Zu Hause wollte er es
wohl nicht verstecken aus Angst, seine Frau könnte etwas bemerken. Auf dem Hof
der Ackenthorpes wollte er es wohl nicht verstecken, weil es dort vielleicht
aus Versehen von einem der Arbeiter hätte gefunden werden können. Außerdem
denke ich, dass unser guter Mr Earnshaw so etwas zum ersten Mal gemacht hat. Er
hat wohl befürchtet, dass ihm die Polizei sehr schnell auf den Fersen sein
würde, und fuhr deshalb zum Anwesen seiner Schwägerin. Wenn ihn die Polizei
dort gefunden hätte, hätte er immer noch behaupten können, dass er gerade die
Schweine füttere. Alle auf diesem Anwesen – sogar die Wachhunde – kennen ihn,
daher ist das nicht verdächtig. Ich
vermute weiterhin, dass er von Drogendealern gehört hat, die bei
Grenzkontrollen völlig ahnungslosen Opfern ihre Drogen in die Taschen
schmuggeln um sie nach den Kontrollen wieder aus den Taschen der Opfer zu
stehlen. Dieses Prinzip wurde auch hier angewendet, denn wer kontrolliert schon
den Mageninhalt von Schweinen?“ Es
bleibt nur noch eine Frage, Hastings: Wo war ‚der verliebte Mr Earnshaw’ wenn
er nicht im Schlachthof gearbeitet hat?“
„Woher
soll ich das wissen? Er wird schon irgendwo in der Nähe ein Versteck gehabt
haben, vielleicht auch ein Hotelzimmer.“
„Vielleicht.
Aber ich bin mir sehr sicher, dass wir ihn zwei Mal während der Ermittlungen
gesehen haben, in einer Bettlerverkleidung. Und einmal haben wir ihm sogar ein
Pfund in den Hut geworfen!“
Epilog
Poirot
betrat mit Chief Inspektor Japp zusammen den Laden von Mr Earnshaw am
Covent Garden. Japp hatte den Juwelier
gleich festnehmen wollen, als Poirot ihm die Lösung des Falles präsentiert
hatte, aber mein Freund hatte eine andere Vorgehensweise vorgeschlagen.
„Ah,
Monsieur Earnshaw, wie ich sehe, sind Sie wieder fleißig bei der Arbeit. Das
wird die neue Kollektion an Brilliantringen, n’est-ce pas? Sehr schön sehen die aus! Wie viel sollen die denn
pro Stück kosten?“
Mr
Earnshaw hatte den Detektiv die ganze Zeit über argwöhnisch angesehen und
antwortete jetzt eher widerwillig: „50 Pfund – vielleicht.“
„Ah,
wenn Sie 99 Stück davon verkaufen, haben Sie ja quasi den Gewinn einer
königlichen Brilliantkette gemacht!“ meinte Poirot mit einem schelmischen
Lächeln.
“99
Stück? Wie kommen Sie denn darauf, dass ich 99 Stück davon verkaufen werde?
Sind Sie Hellseher?“
„Nein,
kein Hellseher“, antwortete Poirot gespielt bescheiden. „Ich dachte nur, dass
wenn Sie alle Brillianten aus der Kette, die Sie aus dem Syon House gestohlen
haben in Ringen verarbeiten, werden Sie eben 99 Ringe erhalten!“
Für einen
Sekundenbruchteil schien Mr Earnshaw aufspringen und fliehen zu wollen, aber
Japp sagte schnell: „Ihr Laden ist von Polizisten umstellt, Mr Earnshaw! Geben
Sie sich keine Mühe! Und die Brillianten finden wir schon bei Ihnen, da bin ich
mir sicher! Und man wird sie als diejenigen Steine identifizieren, die zu der
gestohlenen Kette gehören.“
Mr Earnshaw seufzte. Er verstand wohl, dass Leugnen
keinen Sinn gehabt hätte.
„Aber wir möchten Ihnen ein Angebot machen. Die
Kette, die Sie gestohlen haben, hat für den Duke of Northumberland einen Wert,
der weit höher liegt als 5000 Pfund. Er hätte sie sehr gerne wieder in ihrem
ursprünglichen Zustand. Wir brauchen also einen begabten Juwelier, der sie
wieder aus ihren Einzelteilen zusammensetzt, und wer könnte das besser als Sie
selbst? Betrachten Sie das ganze als Strafarbeit – statt Gefängnis. Und was Ihre
Spielschulden betrifft: Nun, wir waren ehrlich gesagt etwas überrascht, dass
Sie mit einem Mann wie Spencer spielen, und nicht merken, dass seine Karten
gezinkt waren!“
Bei
diesen Worten veränderte sich die bis dahin feindselige Miene des Mannes in
eine ehrlich überraschte. „Gezinkt, sagen Sie? Dann überrascht mich allerdings
nichts mehr! Heißt das denn…?“
„Das
heißt schlicht und einfach, dass Sie keine Spielschulden mehr bei Monsieur
Spencer haben“, unterbrachen Poirot. „Er wird wohl auf sein Geld verzichten
müssen.“
„Danke,
Mr Poirot!“ sagte Earnshaw mit dem Ausdruck der Dankbarkeit auf seinem Gesicht.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar und ich bin mir sicher, das auch Agatha…“ - Japp
verdrehte schon die Augen – „… sehr dankbar ist, wenn ihr Mann mit dem Spielen
aufhört!“ beendete er den Satz. „Am besten, Sie machen sich gleich an die
Arbeit!“ empfahl er. Dann stapfte er hinaus. Poirot fasste sich zum Abschied
noch einmal an den Hut – so wie er es immer tat und lächelte beim Hinausgehen.
Draußen
meinte Japp zu Poirot: „Ich schätze, auch der Herzog wird über diese Lösung
zufrieden sein. Zwei Fälle auf einmal in nur wenigen Tagen gelöst! Sie müssen
stolz auf sich sein!“
„Ach,
mein lieber Chief Inspektor Japp! Dieser Fall war nicht schwer. Ein Anfänger
hätte diesen Fall lösen und ein Buch drüber schreiben können!“ Japp musste
lachen, Poirot war manchmal einfach unverbesserlich eitel.
„Kommen
Sie, ich lade Sie zum essen ein. Meine Frau macht einen ausgezeichneten
Hotpot.“
„Lamm!
Sehr gut! Ich habe auch schon genug Schweine in den letzten Tagen gesehen!“
meinte Poirot.