Montag, 12. März 2012

Michael Martin: Poirot-Krimi - Gezinkte Karten (4)


VII

Mr Earnshaw führte uns recht sicher zu dem alten Haus, Sandy war aber auch keine große Stadt, also nahm die Suche auch nicht zuviel Zeit in Anspruch. Das Haus sah wirklich so aus, als wäre es jahrelang nicht bewohnt worden. Die Polizisten gingen zuerst ins Haus, nur für den Fall, dass die Entführer immer noch dieses Haus als ihr Quartier gewählt haben könnten. Es war aber niemand mehr da. 
„Der Vogel ist ausgeflogen“, meinte Japp trocken. Sehr zu unsrem Leidwesen schienen die Entführer noch einmal aufgeräumt zu haben, bevor sie das Haus verlassen hatten. Nirgendwo gab es verräterische Spuren. Keine Zigarettenstummel oder Kaffeetassen, an denen Fingerabdrücke zu sehen gewesen wären. Es war, als ob Geister den armen Mr Earnshaw entführt hätten. Er zeigte uns den Raum im Keller, in dem er gefangen gehalten worden war. Da waren noch Reste von Zwieback und ein zerbrochenes Wasserglas. Außerdem ein übel riechendes Loch, das in den Boden gegraben und als Abort benutzt worden war. 
„Ich habe selten gesehen, dass Entführer so gründlich im Spuren verwischen sind. Irgendwas übersehen sie für gewöhnlich. Noch dazu Nichtraucher! Wirklich zu schade, dass Sie nichts von ihnen gemopst haben, als Sie geflohen sind. Wo stand eigentlich der Wagen?“
„Der müsste da gestanden haben, wo Ihrer jetzt steht, Inspektor.“
„Seltsam ist nur, dass ich gar keine Reifenspuren gesehen habe, als wir angekommen sind!“ sagte Chief Inspektor Japp argwöhnisch.
„Es hat auch schon länger nicht mehr geregnet. Ihr Wagen wird wohl auch keine sonderlichen Spuren hinterlassen haben.“ 
Chief Inspektor Japp schaute ihn überrascht an. Soviel Mitdenken war er wohl nicht gewöhnt.
„Na gut“, meinte Japp verdrießlich. „Wir befragen jetzt die Nachbarn, was sie gesehen haben. Irgendjemand wird schon etwas bemerkt haben!“ 

Ich hatte da so meine Zweifel, denn die Gegend war sehr dünn besiedelt. Nur drei Häuser waren in Sichtweite, da der alte Bauernhof an drei Seiten von weitläufigen Feldern umgeben war. Da wir noch am selben Tag wieder nach London fahren wollten, teilten wir die Zeugenbefragungen unter uns Dreien auf. Mr Earnshaw meinte, da es ja zahlenmäßig so perfekt aufginge die Zeugen zu befragen, könne er nach dem Haus seiner Schwiegermutter sehen, wie er es seiner Frau versprochen hatte. Es sei nicht weit und er könne danach zum Auto zurückkehren. Wir fanden das sehr effektiv gedacht und Mr Earnshaw ging zu Fuß die Straße runter, in Richtung altes Bauernhaus. 

Chief Inspektor Japp klingelte bei dem Haus, das dem verlassenen Bauernhof direkt gegenüber lag. Eine junge Frau machte ihm auf und zwei kleine Kinder drängten sich neugierig zwischen Tür und die Beine der Frau.
„Guten Tag, Madam Chevenix! Ich bin Chief Inspektor Japp von Scotland Yard“, stellte sich Japp vor. „Ich möchte nicht lange stören, aber wir ermitteln in einem Entführungsfall, bei dem Sie uns vielleicht helfen können. Der Entführte wurde wohl zwei Tage lang in dem Haus auf der anderen Straßenseite festgehalten. Haben Sie irgendetwas Auffälliges bemerkt in letzter Zeit? Sind neue Leute hier aufgetaucht oder Autos, die Sie noch nie vorher hier gesehen haben?“ 
Mrs Chevenix dachte eine Zeit lange angestrengt nach, sagte dann aber: “Nein, tut mir leid, mir fällt nichts ein. Aber wissen Sie, meine Kinder hier waren die letzten Tage auch krank, sie hatten die Windpocken. Ich war immer damit beschäftigt sie wieder gesund zu pflegen, also hätte ich wohl so oder so nichts weiter bemerkt, was draußen vor sich geht. Aber eine Entführung sagen Sie? Direkt hier gegenüber? Das ist ja furchtbar! Man hört ab und zu  im Radio davon, dass so was passiert, aber dass sich das hier vor unserer Haustür abgespielt hat! Unglaublich! Wer ist denn entführt worden?“
„Ein Juwelier aus London. Aber so wie es aussieht konnte er fliehen und er ist jetzt schon wieder frei. Wissen Sie etwas über das Haus selbst?“
„Ach, der ist schon wieder frei? Das können ja keine besonders schlauen Verbrecher sein!“ meinte sie spöttisch. „Alles was ich Ihnen sagen kann ist, dass das Haus schon lange verlassen ist. Früher haben da mal die Barrs gewohnt. Aber seit die alte Frau in London bei dem Rest ihrer Familie wohnt ist dort noch niemand neues eingezogen. Nicht weil es da spukt, sondern weil viel reingesteckt werden müsste.“
„Die Barrs, sagen Sie? Können Sie sich noch an Vornamen erinnern?“ frage Japp mit neu erwachtem Interesse.
„Die alte Frau hieß Cornelia, das weiß ich noch. Wie die Tochter heißt, weiß ich leider nicht mehr, aber die wird in der Zwischenzeit geheiratet haben und heißt jetzt bestimmt ganz anders.“
„Schade, aber wenn er Ihnen noch einfällt, oder sonst irgendwas, dann rufen Sie mich bitte an.  Hier ist meine Karte.“
„Ja, das werde ich machen“, antwortete Mrs Chevenix höflich. 
Eins der Kinder mischte sich plötzlich ein. „Sind sie Polizist?“ Japp nickte. „Und Sie können Entführungen aufklären?“ Wieder Nicken. „Ich habe auch einen Fall für Sie: Meine Mama ist auch schon mal entführt worden! Von Papa. Sie meinte, er hätte sie ins Reich der Sinne entführt oder so. Wo ist denn das? Weit kann es ja nicht sein, denn sie waren schon am nächsten Morgen wieder da! Aber ich habe noch nie davon gehört.“ 
Japp konnte musste ein Lächeln unterdrücken und sah nur kurz zu Frau Chevenix herüber, die leicht errötete. Dann meinte Japp ganz väterlich: „Wenn ihr zusammen spielt, tut ihr doch auch manchmal so, als ob ihr z.B. in Indien wärt, obwohl ihr noch nie da wart, richtig? Ich bin sicher, Eure Eltern haben diese Entführung auch nur gespielt. Das Reich der Sinne liegt direkt neben Indien, und wenn sie am nächsten Morgen schon wieder da waren, haben sie eben auch wie ihr ein Spiel gespielt!“
„Oh, ach so! Spielt Ihr noch, Mama?“
„Ja, mein Schatz!“ meinte Mrs Chevenix ganz ernst, mit einem dankbaren Seitenblick auf Chief Inspektor Japp.
Dieser verabschiedete sich nun lächelnd und ging zum Wagen zurück.

Unterdessen war ich ein Haus weiter bei Mr Volta, der ganz entgegen dem, was sein italienisch klingender Nachname hätte vermuten lassen, Engländer war und ein wortkarger noch dazu. Schon beim Öffnen der Tür machte er ein mürrisches Gesicht, das klar zeigte, dass ich ihn störte. Als ich ihm erläuterte, dass im Haus gegenüber ein Mann nach einer Entführung zwei Tage lang festgehalten worden war, sagte er zwar: „Echt?“, aber sein Gesicht verriet, dass ihn das nicht im Mindesten interessierte. Auf mein Fragen hin meinte er, er habe in den letzten zwei Tagen nichts Auffälliges in dem Bauerhaus gesehen, weil er gestern Abend erst wieder zurück gekommen sei. Das hier sei nur sein Ferienhaus. Er sei aber auch nicht der Typ Mensch, der sich in die Angelegenheiten anderer einmische, genauso wenig wie er möchte, dass man sich in seine Angelegenheiten mische. 
Es war wirklich anstrengend mit dem verschlossenen Mr Volta zu reden. Nur um Smalltalk zu machen, fragte ich, welche Arbeit ihn denn so gefesselt habe, dass er nichts von der Entführung gegenüber gemerkt habe. 
„Sind Sie von der Polizei?“ fragte er misstrauisch zurück. Ich verneinte. „Also, ich bin Tierpräparator, wissen Sie. Das ist ganz schön Arbeit, das können Sie mir glauben! Manchmal denke ich, die ganze Schickeria fährt nach Afrika oder in den Amazonas nur um sich ein paar exotische Tiere zu schießen, über die sie gar nichts wissen, geschweige denn wie viele es noch davon gibt. Aber jeder will sich das letzte Exemplar sichern! Na, mich geht’s nichts an, das ist Sache der Politiker, ich präpariere die Viecher nur. Ich habe meine Werkstatt direkt auf der „Emerald of the Seas“ eingerichtet. Da bearbeite ich die Dinger solange sie noch halbwegs frisch sind! Ich erzähle Ihnen das nur, weil die Polizei mich öfter mal fragt, woher ich die Tiere bekomme, die ich präpariere. Als ob ich die Herkunft nicht überprüfen würde! Ich habe auch so genug zu tun!“ 
Ich hörte mir diesen Vortrag aufmerksam an, fraget mich jedoch, warum er auf einmal so beredt war. Hatte er doch ein schlechtes Gewissen? Ich hatte schon oft beobachtet, dass Menschen, die etwas verbergen wollten, mit einem Mal richtig geschwätzig wurden um ihre Unschuld zu bekunden noch bevor man ihnen etwas vorgeworfen hatte. Ich verließ Mr Volta mir einem freundlichen Gruß und fragte mich beim Zurückgehen warum ausgerechnet ich den uninteressantesten Zeugen bekommen hatte und Poirot wie selbstverständlich aus den Aussagen seiner Zeugen die richtigen Schlussfolgerungen zusammenpuzzeln konnte.

Poirot klingelte bei Familie Cooper. Ein junger, intelligent aussehender Mann öffnete die Tür. 
„Sie wünschen?“
„Guten Tag, mein Name ist Hercule Poirot. Sind Sie Monsieur Cooper?“
„Shawn Cooper, ja, der bin ich.“ Eine neugierig schauende Katze erschien plötzlich in der Tür, zu Shawns Füßen. „Und das ist Tiddles, mein Kater“, meinte er amüsiert. 
Poirot musterte das Tier. Er mochte Katzen zwar, aber wer sich jeden Morgen minutenlang seinen Anzug bürstet, bevor er das Haus verläst, und eine Phobie vor Haaren auf der Kleidung hat, möchte Katzen nicht zu nahe kommen. 
„Wenn ich ein paar Minuten Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen dürfte, würde ich Ihnen gerne ein paar Fragen zu einem Entführungsfall stellen.“
„Eine Entführung? Wie kann ich da helfen?“ fragte Mr Cooper aufgeregt.
„Sie könnten mir sagen, ob Sie in den letzten zwei Tagen etwas Ungewöhnliches bemerkt haben, das sich in dem alten Bauernhaus schräg gegenüber abgespielt hat. Haben Sie Leute bemerkt, die neu hier sind oder ein unbekanntes Auto, das dort geparkt hat?“ fragte Poirot.
„Nicht in den letzten zwei Tagen, Mr Poirot. Aber vor vier Tagen habe ich dort ein neues Auto bemerkt!“ erwiderte Cooper eifrig.
„Können Sie das Auto näher beschreiben?“
„Es war ein Austin, ziemlich schmutzig, würde ich sagen.“
„Ah. Das ist interessant. Wie lange war das Auto denn hier?“ fragte Poirot.
„Hm. Lassen Sie mich überlegen… Ich kam von der Arbeit zurück, da stand es schon da. Als es dämmerte bin ich ans Fenster gegangen um die Läden zu schließen, da war es schon nicht mehr da. Nur wenige Stunden würde ich sagen.“
„Den Fahrer haben Sie also nicht gesehen?“
„Nein, da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich habe auch einen flüchtigen Blick zum Haus rüber geworfen, aber niemanden gesehen. Das wäre aber auch ein unwahrscheinlicher Zufall gewesen. Die Person hätte schon genau an einem Fenster stehen müssen. Aber sagen Sie mal, wer ist denn entführt worden?“
„Ein Juwelier aus London. Glücklicherweise ist er aber in der Lage gewesen zu fliehen und ist jetzt schon wieder bei seiner Frau. Natürlich versucht die Polizei trotzdem den Entführer zu finden.“
„Und der große Poirot hilft der Polizei mal wieder bei den Ermittlungen!“ meinte Shawn Cooper mit glänzenden Augen. „Ich hoffe, ich konnte mit meiner Aussage einen kleinen Teil zur Lösung beitragen. Aber ehrlich gesagt ist es das erste Mal, dass ich höre, dass ein Entführter seinem Entführer entkommen konnte. Der muss ja ziemlich blöd gewesen sein! Aber vielleicht kommt das doch schon mal vor, nur liest man dann nie davon in der Zeitung. Was meinen Sie?“
„Vielleicht nicht in einer großen Zeitung. Aber doch sicherlich in den Sensationsblättchen“, meinte Poirot. „Meiner Meinung nach ist der Fall schon außergewöhnlich. Vielleicht werden Sie bald in der Zeitung davon lesen“, sagte er.
„Ich werde die Augen danach offen halten“, erwiderte Cooper, immer noch mit glänzenden Augen, ganz aufgeregt darüber dem großen Detektiv gegenüber zu stehen. Plötzlich blickte er nach unten. Die Katze zerrte mit einer Pfote an seinem Hosenbein. „Oh, Tiddles muss noch sein Abendessen bekommen“, meinte er verlegen.
„Gut, dann will ich Sie nicht länger aufhalten“, meinte Poirot schmunzelnd. „Au revoir!“

Als wir vier wieder nach London zurück fuhren, machten drei von uns einen ziemlich niedergeschlagenen Eindruck. Nur Poirot saß mit einem Funkeln in den Augen ruhig da und wirkte seltsamerweise ganz zufrieden. Wir waren fest davon überzeugt, nichts aber auch gar nichts Wichtiges herausgefunden zu haben, während unser kleiner Freund ein wissendes Gesicht machte, als habe er den Fall schon so gut wie gelöst. Dennoch hüllte er sich in Schweigen. Als wir Mr Earnshaw wieder zu Hause ablieferten, kam uns Agatha Earnshaw schon entgegen. Sie lud uns freundlich ein, zum Abendessen zu bleiben. Die Herrin des Hauses schien ihre Vorliebe für indisches Essen entdeckt zu haben, eine Küche, die Poirot nicht mochte, die hier aber ganz ausgezeichnet zubereitet war. Während des Essens berichteten wir der neugierigen Frau Earnshaw, wie es im Haus, in dem ihr Mann festgehalten wurde, ausgesehen hat und was die Nachbarn erzählt hatten. Mr Earnshaw erzählte seiner Frau munter wie das Bauernhaus ihrer Mutter aussah. Er erzählte ihr schon fast überschwänglich, wie gut es noch in Schuss sei und dass er noch nicht mal Ratten entdeckt habe. 
Mrs Earnshaw bekam plötzlich einen sehr glücklichen Gesichtsausdruck und verkündete gut gelaunt: „Meine Schwester und ihr Mann wollen der November-Depression vorbeugen und geben am Sonntag ein großes Gelage auf ihrem Hof. Der ursprüngliche Grund war, dass sie ein gutes Geschäft mit ihrer Schweinezucht dieses Jahr gemacht haben. Aber jetzt, da Du gesund zurück bist, Schatz, soll das natürlich gefeiert werden! Du sollst auch hinkommen und alle Freunde mitbringen, die gut Essen wollen! Oh, Mr Poirot, Mr Hastings und Chief Inspektor Japp, Sie müssen auch kommen!“ 
Ihr Tonfall war so überschwänglich, dass wir merkten, dass sie sehr enttäuscht sein würde, wenn wir nicht an dem Essen teilnehmen würden. 
Mein Freund verkündete: „Madame, es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein, an dem Gelage, wie Sie es nennen, teilzunehmen.“ Ich wusste schon, dass er sich dieses gute Essen nicht entgehen lassen würde.

Wir fuhren im Dienstwagen des Chief Inspektors zurück zu den Whitehaven Mansions. Japp meinte überraschenderweise: „Für mich ist dieser Fall abgeschlossen! Ich meine, wir haben nicht die geringsten Anhaltspunkte wer und wo die Entführer sein könnten, dank ihrer Gründlichkeit und – leider – der schlechten Beobachtungsgabe von Earnshaw. Außerdem ist er ja gesund und munter wieder zurückgekehrt! Meine Chefs machen mir auch schon die Hölle heiß wegen dem Einbruch im Syon House. Ich soll die Brilliantkette unbedingt wieder finden, weil sie mal dem Duke of Northumberland gehört haben soll. Diese Adelsfamilie kennt den Chef von Scotland Yard persönlich. Sie können sich ja vorstellen wie wichtig diese Kette auf einmal für England ist! “ Japp imitierte dabei die offensichtlich recht hohe Stimme des Chefs von Scotland Yard.
„Was ist das genau für eine Kette?“ zeigte sich Poirot auf einmal interessiert. 
„Poirot, ich habe Ihnen doch aus der Zeitung vorgelesen, erinnern Sie sich nicht mehr? Die Kette ist 5000 Pfund wert und mit 99 Brillianten besetzt. Sie sind in Sterling-Silber gefasst, und der Verschluss ist als zwei miteinander kämpfenden Löwen geformt. Beschreibe ich Kette richtig, Chief Inspektor?“
„Ja, genau die ist es! Sie war eine Leihgabe der Familie ans Museum. Sie hing da aber schon einen Monat und dies ist nun der erste Einbruch in das Museum überhaupt. Ich weiß nicht, warum der Dieb nur dieses Stück gestohlen hat und das wertvollste dort gelassen hat!“
„Was wäre denn das Wertvollste gewesen?“ fragte ich neugierig dazwischen.
„Irgend so eine alte chinesische Vase aus der keine-Ahnung-welchen Dynastie. Potthässlich das Ding!“
„Vielleicht hatte der Dieb ja Sinn für Ästhetik“, witzelte ich. „War die Vase denn besser gesichert als die Kette?“ fragte ich.
„Nein, die waren beide gleich schlecht geschützt. Sie standen nur in Glasvitrinen, Alarmdrähte hatte man sich gespart! Manche sind eben zu leichtgläubig. Der Dieb hat sich wohl im Museum einschließen lassen, hat einen Wächter hinterrücks überfallen, die Schlüssel geklaut und hat mit dessen Schlagstock die Vitrine eingeschlagen. Dann, bevor die anderen Wächter zu Hilfe eilen konnten, ist er mit der Kette geflohen, hat die Museumstür von außen abgeschlossen und hat die Schlüssel weggeworfen. Niemand kann mir eine Täterbeschreibung liefern oder hat ein Fluchtfahrzeug gesehen. Es ist zum Auswachsen! Natürlich haben wir bei allen Juwelieren der Stadt und in den Vororten Durchsuchungen gemacht, ob sie die Kette oder einzelne Brillianten gekauft haben. Nichts! Alle Goldschmiede scheinen heute ehrlich zu sein oder werden sogar entführt!“ schimpfte Japp. Er schaute Poirot von der Seite an. „Was würden Sie machen, mein Freund?“
„Nachdenken. Ich würde meine kleine grauen Zellen anstrengen und mir überlegen, was für eine Art Mensch der Dieb wohl ist und wo er die Kette verstecken kann, bis niemand mehr danach sucht.“
„Wer hätte das gedacht!“ murmelte Japp.



VIII

Am nächsten Abend war er aber schon wieder viel besserer Laune, als sie zusammen zu den Ackenthorpes zum „Gelage“ fuhren. Es waren bestimmt 20 Leute dort, die meisten Landwirte aus der Gegend, die auch gute Geschäfte gemacht hatten, aber auch einige Freunde der Earnshaws wie z.B. die Lawrences und die drei Herren aus dem Club, die wir schon kannten: Grange, Webber und Staunton.
Die Kinder der Familie benahmen sich etwas flegelhaft, wie ich fand. Sie waren zwar sehr gut angezogen, dem Festmahl entsprechend, aber redeten ungehörig laut durcheinander und tranken ein grell orange leuchtendes Getränk, das mir bis zu diesem Tag unbekannt war. Ich fragte bei der Gastgeberin nach. „Das ist Irn Bru, Verehrtester! Eine Limonade, die in Schottland sehr beliebt ist; viel besser als Cola! Und natürlich kennen nur wir das Geheimrezept dazu! Nicht wahr, Schwesterherz?“ sagte sie lachend, wobei sie ihre Schwester ansah. 
„Ach, Mildred, jetzt nimm doch den guten Captain nicht auf dem Arm. Nur weil wir zufällig denselben Mädchennamen haben wie diese Firma (Barr), heißt das nicht gleich, dass wir sie besitzen. Dann könnten wir auch vollständig aufhören zu arbeiten! Meine Schwester träumt glaube ich davon“, sagte sie leiser zu mir gewandt.
Beim guten und reichhaltigen Essen auf dem Hof wurde munter geplaudert und natürlich war die „missglückte“ Entführung das Thema Nr.1. Nachdem man sich noch einmal gemeinsam darüber amüsiert hatte, dass die Entführer aber „nicht gut genug auf den kleinen Archie aufgepasst hätten“, fragte Poirot die Gastgeberin: „Madame Ackenthorpe, wie ich hörte haben Sie hier eine gut gehende Farm. Der ursprüngliche Grund für dieses vorzügliche Festessen war ein gutes Geschäft, wie ich hörte.“
„Da haben Sie richtig gehört, Mr Poirot!“ antwortete die Gastgeberin stolz. Wissen Sie, unsere Schweinzucht läuft von Jahr zu Jahr besser. Wir verdienen ganz gut mit dem Fleisch. Vielleicht erweitern wir die Ställe noch ein Mal. Das Fleisch, was Sie gerade essen ist natürlich das von unseren eigenen Schweinen. Es ist noch ganz frisch! Erst vorgestern haben wir die Schweine schlachten lassen und wir haben darum gebeten, uns die besten Stücke für unsere kleine Feier hier zu schicken!“
„Die haben Sie auch bekommen, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten. Dies sind die besten Stücke Schweinebraten, die ich seit langem gekostet habe“, schmeichelte Poirot mit einem ehrlichen Lächeln. Man sah ihm an, dass er den Abend in vollen Zügen genoss. Ein Abend mit gutem Essen serviert mit französischem Wein, dazu noch viele interessante Gesprächspartner; mehr brauchte er nicht um sich wohl zu fühlen. Wie um Smalltalk zu machen fragte er Mrs Ackenthorpe: „Man möchte bei so hohem Genuss gar nicht daran denken, was die Tiere erleiden müssen. Vor allem der Tiertransport über weite Strecken auf kleinstem Raum müssen doch eine Tortur sein!“
„Mr Poirot, wo denken Sie hin?! Mal abgesehen davon, dass wir hier von Tieren reden, von denen ich nicht denke, dass sie auf dieselbe Weise leiden wie wir, ist die Fahrt doch nur 5 Meilen lang. Der Schlachthof ist doch direkt in Dulwich Village!“
„Oh, pardon, Madame! Unter diesen Umständen kann man ja kaum von großem Leiden sprechen und den Braten auch genießen.“ Die anderen Gäste, die diese Unterhaltung gehört hatten, lachten und betrachteten die Angelegenheit damit für erledigt.
Poirot beobachtete die anderen Gäste mit seinem Adlerblick. War da bei einem der Gäste das Lachen etwas gekünstelt? Natürlich musste das nichts heißen, schließlich war das Thema nicht so amüsant und mit einem guten Stück Braten zwischen den Zähnen sollte man in solch einer Gesellschaft sowieso nicht offen loslachen. Captain Hastings unterhielt sich sehr angeregt mit der nur wenig jüngeren Nichte von Mrs Earnshaw, wahrscheinlich über Autos oder über das Jagen, dachte Poirot vergnügt. Was immer es war, es schien sie zu interessieren. Die drei ehrenwerten Herren aus dem Club schienen sich nicht nur fürs Spielen zu interessieren sondern auch für die Anekdoten der Bauern. Wahrscheinlich kamen sie sonst nicht mit Männern aus dieser Bevölkerungsschicht zusammen. Alles in allem ein fröhlicher Abend, der vor allem für mich zu schnell endete.



IX

Am nächsten Morgen machte mein Freund einen höchst selbstzufriedenen und selbstbewussten Eindruck, als ich sein Büro betrat. Auf meine Frage hin, was der Grund dafür sei, meinte er nur: „Der Fall ist gelöst, mon ami!“
Ich muss zugeben, dass ich überrascht war, obwohl ich schon die Lösung von manch verzwicktem Fall miterlebt hatte. „Sie wissen also, wer Earnshaw entführt hat?“ fragte ich.
„Ja, das weiß ich auch, aber diesen Fall meinte ich gar nicht! Ich weiß, wer die Brilliantkette gestohlen hat!“ Das saß. 
Ich stand wohl erst mal ein paar Sekunden mit offenem Mund da, während ich überlegte, wann Poirot sich mit diesem Fall beschäftigt hatte. Hatte mein Freund eine Zeitreise gemacht um aus einem guten Versteck heraus den Raub noch einmal live mitzuerleben? Oder wie konnte er das ermittelt haben?
„Das ist ja toll!“ brachte ich heraus. „Wer war es denn nun?“
„Das, mein Freund, könnten Sie sich ebenfalls denken, wenn Sie alle Fakten methodisch zusammen tragen“, meinte er verschmitzt lächelnd. Ich möchte Ihnen etwas Zeit geben ebenfalls darauf zu kommen, es ist auch  nicht schwer, wenn Sie dabei annehmen, dass die beiden Fälle miteinander verknüpft sind“, versuchte er mich zu vertrösten. 
Ich wollte gerade einwenden, dass er ruhig mal mit seinen Geheimnissen schneller herausrücken könne, da machte er einen guten Vorschlag.
„Ich denke, mon ami, dass eine ordentliche Mahlzeit Sie durchaus erleuchten und weiterbringen könnte, was halten Sie davon, wenn ich heute koche?“
„Da sage ich nicht nein!“ Ich freute mich, da es selten genug vorkam, dass mein Freund seine hervorragenden Kochkünste unter Beweis stellte. 
Très bien, dann gibt es heute Stoemp. Aber ich muss noch einkaufen. Bis gleich, Hastings!“
Was es an diesem Tag gab, war wirklich sehr sonderbar. Geruch, Farbe und Konsistenz des Hauptgangs, den Poirot gezaubert hatte waren dieses Mal alles andere als anregend für meine Sinne und ich hatte Mühe dennoch aufmunternd zu lächeln. Poirot hingegen hatte ein Lächeln aufgesetzt und er schien es zu genießen. „Was halten Sie von diesem Aroma, Hastings?“ fragte er gut gelaunt.
„Es ist, äh.. sehr interessant“, antwortete ich verlegen.
N’est-ce pas? An was erinnert Sie das?“
„Na ja, es ist wohl unverkennbar aus Schweineblut gemacht (Man muss es mögen, dachte ich). Irgendwo habe ich diesen Geruch in letzter Zeit schon einmal in der Nase gehabt…“
Précisément!“ rief mein Freund mit leuchtenden Augen. „Und ich kann Ihnen auch sagen, wo: Im Juwelierladen am Covent Garden, vor vier Tagen!“ Ich war erst mal sprachlos.
„Aber das würde ja bedeuten: Mr Earnshaw ist entweder ein Schwein oder das Blut ist gar nicht von ihm… jemand hat Schweineblut absichtlich dort verteilt!“ fand ich schließlich meine Sprache wieder. 
„Genau, Hastings! Was kann man daraus schließen?“
„Dass uns jemand glauben machen wollte, Mr Earnshaw sei entführt worden, was gar nicht der Fall ist!“
„Zu diesem Schluss bin ich ebenfalls gekommen. Mr Earnshaw hat sich selbst entführt! Er wollte untertauchen und niemand - nicht einmal seine Frau - sollte etwas davon erfahren.
„Vor wem wollte er sich verstecken? Vor Spencer etwa, wegen der Spielschulden?“
„Ich denke, Hastings, dass er sich in erster Linie vor der Polizei verstecken wollte. Schließlich hatte er gerade eben erst eine Brilliantkette im Wert von 5000 Pfund erbeutet!“ Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb mein Mund recht lange offen stehen.
„Wieso? Woher wollen Sie so genau wissen, dass Earnshaw die Kette gestohlen hat?“
„Zunächst einmal ist es schon ein bemerkenswerter Zufall, dass die Kette am selben Tag gestohlen wurde, an dem Monsieur Earnshaw „entführt“ wurde.“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, aber das heißt doch noch lange nicht…“ unterbrach ich ihn. 
Aber er hob schon abwehrend die Hände. „Lassen Sie mich am besten von Anfang an erklären, mon ami! Als mir klar geworden war, dass das Blut, das wir in seinem Laden fanden, nicht von ihm selbst stammen konnte, hatte ich schon den Verdacht, dass er nicht entführt worden war. Nach der überraschenden Rückkehr von Mr Earnshaw erhärtete sich der Verdacht immer weiter, dass nichts so war, wie es schien. Zunächst die Tatsache, dass er überhaupt zwei Entführern einfach so entkommen konnte. Dann sein Fehler nicht zur Polizei zu gehen. Dort wäre er doch viel sicherer gewesen, als mit völlig fremden Menschen die weite Strecke nach London zurück zu fahren. Gut, nehmen wir für einen Moment an, er sei wirklich völlig übereilt zurückgekehrt um seine geliebte Frau wieder zu sehen, mit der er immer vereint sein will. Warum reagiert er so abweisend auf ihren Vorschlag mit uns allen zurück zum Tatort zu fahren um einen Blick auf das alte Bauernhaus zu werfen, das im selben Ort steht?“
„Ja, warum eigentlich?“
Mon dieu, Hastings! Das Bauernhaus, dass er uns gezeigt hat – in dem er angeblich gefangen war - war das Haus, das seine Frau sehen wollte!“
„Aber er ist doch in den Ort gegangen…“
Poirot seufzte tief. „Was hätte er denn sonst machen sollen? Er hätte ja wohl kaum überrascht ausrufen können Außerdem hat ein Nachbar das Auto von Monsieur Earnshaw einige Tage vor der „Entführung“ wieder erkannt. Anscheinend wollte er das Haus schon mal „herrichten“. Was aber alles klar machte, war ein Anruf, den ich heute Morgen gemacht habe. Ich habe bei diesem Schlachthof angerufen, zu dem Mrs Ackenthorpes Schweine gebracht worden sind. Ich habe den Chef gefragt, ob bei ihm kürzlich jemand neu eingestellt worden ist. Ein gewisser Mr Roderick ist erst vor drei Tagen neu eingestellt worden. Ein sehr fleißiger Mann, hat man mir erzählt. Wollte am liebsten alles selbst machen, hat auch nachts gearbeitet. Er wollte unbedingt die Mägen und Därme der armen Tiere ausnehmen. Eine Arbeit, um die sich sonst keiner reißt. Dann nach zwei Nächten, als ob er sich überarbeitet habe, klagt er über Übelkeit, fährt schnell nach Hause und kam seit dem nicht mehr wieder. Der Geschäftsführer musste ihn leider entlassen. Ich entnehme Ihrem Gesicht, dass Sie nicht wissen, wie Sie diese Episode in unseren Fall einbauen sollen. Darauf komme ich gleich. Wissen Sie noch, wie sein Auto aussah, als wir es am Covent Garden fanden?“
„Oh ja, mein erster Gedanke war, dass es mal dringend eine Wäsche nötig habe!“ antwortete ich, immer noch verdutzt.
„Genau, es war mit Schlamm bedeckt. Ich fragte mich, auf welcher Strecke er das Auto so schmutzig gemacht haben könnte. Die Straßen zwischen der Innenstadt und seinem Haus sind alle befestigt, wie Sie sicher schon bemerkt haben. Dort also nicht. Auf der Fahrt nach Norden auch nicht, denn es hatte bei dem alten Bauernhaus schon länger nicht mehr geregnet. Hier aber schon, ich erinnere mich noch daran. Er musste also einen unbefestigten Weg hier in der Nähe gefahren sein. Und zwar direkt vor seiner Flucht, denn er hatte wohl keine Zeit mehr, das Auto zu säubern. Wo war er also wohl gewesen? An demselben Ort, von dem er auch das Schweineblut hat. Auf dem Anwesen der Ackenthorpes! So, können Sie jetzt erraten, wo er die Brillianten versteckt hat, die er kurz zuvor gestohlen hat?“
„Nein!“ gestand ich frei heraus.
Poirot setzte hier wieder einmal sein schelmisches Lächeln auf. „Er hat sie buchstäblich vor die Säue geworfen, fast wie es in ihrem schönen Sprichwort heißt! Genauer gesagt hat er sie an eine speziell markierte verfüttert“ verkündete er. „Natürlich mit der Absicht, sie sich später wieder zu holen.“
„Ah, jetzt ist mir der Rest klar“, warf ich ein. „Direkt danach fuhr er zurück in die Stadt, täuschte im Laden seine Entführung vor, in dem er das Schweineblut verteilte und Unordnung machte. Dann flüchtete er zu Fuß oder mit der U-Bahn in sein Versteck und arbeitete bei dem Schlachthof genau so lange, bis er die markierte Sau zerlegt hatte und die Brillanten gefunden hatte. Anschließend kam er einfach in sein Haus zurück. Aber warum hat er sich ausgerechnet Schweine für sein Versteck der Edelsteine ausgesucht? Warum so kompliziert?“
„Darüber kann ich nur mutmaßen. Klar ist, dass er ein sicheres Versteck gesucht hat. Wenn er die Brillianten behalten hätte, hätte die Polizei sie bei ihm gefunden, ebenso im Laden, denn er wusste, dass alle Juweliere nach einem solchen Raub überprüft werden würden, ob sie die Kette gekauft haben. Zu Hause wollte er es wohl nicht verstecken aus Angst, seine Frau könnte etwas bemerken. Auf dem Hof der Ackenthorpes wollte er es wohl nicht verstecken, weil es dort vielleicht aus Versehen von einem der Arbeiter hätte gefunden werden können. Außerdem denke ich, dass unser guter Mr Earnshaw so etwas zum ersten Mal gemacht hat. Er hat wohl befürchtet, dass ihm die Polizei sehr schnell auf den Fersen sein würde, und fuhr deshalb zum Anwesen seiner Schwägerin. Wenn ihn die Polizei dort gefunden hätte, hätte er immer noch behaupten können, dass er gerade die Schweine füttere. Alle auf diesem Anwesen – sogar die Wachhunde – kennen ihn, daher ist das nicht verdächtig. Ich vermute weiterhin, dass er von Drogendealern gehört hat, die bei Grenzkontrollen völlig ahnungslosen Opfern ihre Drogen in die Taschen schmuggeln um sie nach den Kontrollen wieder aus den Taschen der Opfer zu stehlen. Dieses Prinzip wurde auch hier angewendet, denn wer kontrolliert schon den Mageninhalt von Schweinen?“ Es bleibt nur noch eine Frage, Hastings: Wo war ‚der verliebte Mr Earnshaw’ wenn er nicht im Schlachthof gearbeitet hat?“
„Woher soll ich das wissen? Er wird schon irgendwo in der Nähe ein Versteck gehabt haben, vielleicht auch ein Hotelzimmer.“ 
„Vielleicht. Aber ich bin mir sehr sicher, dass wir ihn zwei Mal während der Ermittlungen gesehen haben, in einer Bettlerverkleidung. Und einmal haben wir ihm sogar ein Pfund in den Hut geworfen!“



Epilog

Poirot betrat mit Chief Inspektor Japp zusammen den Laden von Mr Earnshaw am Covent  Garden. Japp hatte den Juwelier gleich festnehmen wollen, als Poirot ihm die Lösung des Falles präsentiert hatte, aber mein Freund hatte eine andere Vorgehensweise vorgeschlagen. 
„Ah, Monsieur Earnshaw, wie ich sehe, sind Sie wieder fleißig bei der Arbeit. Das wird die neue Kollektion an Brilliantringen, n’est-ce pas? Sehr schön sehen die aus! Wie viel sollen die denn pro Stück kosten?“
Mr Earnshaw hatte den Detektiv die ganze Zeit über argwöhnisch angesehen und antwortete jetzt eher widerwillig: „50 Pfund – vielleicht.“
„Ah, wenn Sie 99 Stück davon verkaufen, haben Sie ja quasi den Gewinn einer königlichen Brilliantkette gemacht!“ meinte Poirot mit einem schelmischen Lächeln.
“99 Stück? Wie kommen Sie denn darauf, dass ich 99 Stück davon verkaufen werde? Sind Sie Hellseher?“
„Nein, kein Hellseher“, antwortete Poirot gespielt bescheiden. „Ich dachte nur, dass wenn Sie alle Brillianten aus der Kette, die Sie aus dem Syon House gestohlen haben in Ringen verarbeiten, werden Sie eben 99 Ringe erhalten!“ 

Für einen Sekundenbruchteil schien Mr Earnshaw aufspringen und fliehen zu wollen, aber Japp sagte schnell: „Ihr Laden ist von Polizisten umstellt, Mr Earnshaw! Geben Sie sich keine Mühe! Und die Brillianten finden wir schon bei Ihnen, da bin ich mir sicher! Und man wird sie als diejenigen Steine identifizieren, die zu der gestohlenen Kette gehören.“ 
Mr Earnshaw seufzte. Er verstand wohl, dass Leugnen keinen Sinn gehabt hätte. 
„Aber wir möchten Ihnen ein Angebot machen. Die Kette, die Sie gestohlen haben, hat für den Duke of Northumberland einen Wert, der weit höher liegt als 5000 Pfund. Er hätte sie sehr gerne wieder in ihrem ursprünglichen Zustand. Wir brauchen also einen begabten Juwelier, der sie wieder aus ihren Einzelteilen zusammensetzt, und wer könnte das besser als Sie selbst? Betrachten Sie das ganze als Strafarbeit – statt Gefängnis. Und was Ihre Spielschulden betrifft: Nun, wir waren ehrlich gesagt etwas überrascht, dass Sie mit einem Mann wie Spencer spielen, und nicht merken, dass seine Karten gezinkt waren!“
Bei diesen Worten veränderte sich die bis dahin feindselige Miene des Mannes in eine ehrlich überraschte. „Gezinkt, sagen Sie? Dann überrascht mich allerdings nichts mehr! Heißt das denn…?“
„Das heißt schlicht und einfach, dass Sie keine Spielschulden mehr bei Monsieur Spencer haben“, unterbrachen Poirot. „Er wird wohl auf sein Geld verzichten müssen.“
„Danke, Mr Poirot!“ sagte Earnshaw mit dem Ausdruck der Dankbarkeit auf seinem Gesicht. „Ich bin Ihnen sehr dankbar und ich bin mir sicher, das auch Agatha…“ - Japp verdrehte schon die Augen – „… sehr dankbar ist, wenn ihr Mann mit dem Spielen aufhört!“ beendete er den Satz. „Am besten, Sie machen sich gleich an die Arbeit!“ empfahl er. Dann stapfte er hinaus. Poirot fasste sich zum Abschied noch einmal an den Hut – so wie er es immer tat und lächelte beim Hinausgehen.

Draußen meinte Japp zu Poirot: „Ich schätze, auch der Herzog wird über diese Lösung zufrieden sein. Zwei Fälle auf einmal in nur wenigen Tagen gelöst! Sie müssen stolz auf sich sein!“
„Ach, mein lieber Chief Inspektor Japp! Dieser Fall war nicht schwer. Ein Anfänger hätte diesen Fall lösen und ein Buch drüber schreiben können!“ Japp musste lachen, Poirot war manchmal einfach unverbesserlich eitel.
„Kommen Sie, ich lade Sie zum essen ein. Meine Frau macht einen ausgezeichneten Hotpot.“
„Lamm! Sehr gut! Ich habe auch schon genug Schweine in den letzten Tagen gesehen!“ meinte Poirot.

Samstag, 10. März 2012

Michael Martin: Poirot-Krimi - Gezinkte Karten (3)


V

Früh am nächsten Morgen telefonierte Poirot mit Chief Inspektor Japp, um ihm von unseren Ermittlungen im Club zu berichten. Japp gab eine Fahndung nach Spencer raus, der auch zu Hause nicht anzutreffen war. Er selbst hatte in der Zwischenzeit die übrigen Verwandten von Earnshaw vernommen, aber nichts erfahren außer dass er ein liebender Ehemann und Meister seines Fachs war und wohl keine Feinde hatte. Unser guter Japp war ein wenig frustriert. Das sollte aber nicht lange so bleiben, denn Spencer wurde schon wenige Stunden später bei einem seiner Freunde gefunden. 
Leicht verkatert, denn er hatte am Abend zuvor wohl einige Whisky zu viel gekippt. Er wurde zu Scotland Yard gebracht, wo Japp ihn verhören wollte. Wir wurden höflich eingeladen beim Verhör dabei zu sein, aber kurz nach diesem Telefonat, als wir gerade schon unsere Hüte aufgesetzt hatten, klingelte das Telefon erneut. Poirot ging schnell zum Apparat und wollte den Anrufer abwimmeln, aber es war Mrs Earnshaw, die ganz aufgeregt mitteilte, dass der Entführer endlich eine Nachricht gesandt hatte.

„Wenn Sie die Nachricht bitte vorlesen würden Mdm Earnshaw“, sagte Poirot.
„<> Das ist die ganze Nachricht, Mr Poirot. Die Worte sind aus Zeitungen ausgeschnitten und auf ein Blatt Papier geklebt.“
„Vielen Dank Mdm Earnshaw, wir fahren jetzt zuerst zu Scotland Yard. Offensichtlich hat Chief Inspektor Japp einen ersten Verdächtigen gefasst, der in die Entführung verstrickt sein könnte. Nach dem Verhör kommen wir direkt zu Ihnen. Auf Wiedersehen, Mdm Earnshaw.“
Mit dieser interessanten Neuigkeit in der Tasche fuhren wir zu Scotland Yard. Dort angekommen wurden wir von Chief Inspektor Japp begrüßt, der triumphierend lächelte, stolz so schnell den Verdächtigen aufgespürt zu haben. Dieser entsprach erstaunlich genau der Zeugenbeschreibung des Mannes, der am Abend von Mr Earnshaws Entführung an dessen Juwelierladen am Covent Garden gesehen worden war, riesig groß, vierschrötig, so um die 40 und er roch nach Angst. Japp fackelte nicht lange ihn ins Verhör zu nehmen.

„So, Spencer, jetzt mal raus mit der Sprache: Warum haben Sie die vergangene Nacht nicht in Ihrem trauten Heim verbracht, sondern haben sich bei einem Freund versteckt?“
„Wie bitte? Versteckt? Ich habe mich nicht dort versteckt, sondern nur mit einem guten Freund einen feucht-fröhlichen Abend verbracht. Na ja, und irgendwann war es zu spät um nach Hause zurück zu kehren. Mein Kumpel war so freundlich mich bei ihm übernachten zu lassen. Das ist doch wohl nicht verboten?“
„So sah es aber nicht aus, als wir Sie aufgegabelt haben!“ entgegnete Japp. „Den gepackten Koffer inklusive Kulturbeutel nehmen Sie wohl immer mit zu Ihren feucht-fröhlichen Abenden, was?“
„Und wenn schon, das ist doch kein Verbrechen! Scotland Yard muss echt Langeweile haben, wenn es sich mit so etwas beschäftigt!“
„Ihren Spott können Sie sich sparen, Spencer! Sie haben sich dort versteckt! Vor wem, frage ich mich. Wo waren Sie vorgestern Abend zwischen 6 und 9 Uhr?“
„Bis 6 Uhr war ich auf der Arbeit, dann bin ich schnurstracks zu meinem Kumpel gefahren und dort bis zum schlafen gehen auch geblieben. Wieso?“
„Und Sie haben nicht noch einen Abstecher zum Covent Garden gemacht?“
„Nein, wieso sollte ich?“
„Sie sind dort um halb 7 von einem Zeugen gesehen worden!“
„Das kann nicht sein! Sie müssen mich verwechseln!“
„Hören Sie, wir wissen, dass Sie Mr Earnshaw persönlich kennen und dass Sie mit ihm vorgestern von seinem Laden weggegangen sind! Ersparen Sie uns doch die Gegenüberstellung mit dem Zeugen! Sie verschwenden unsere Zeit!“
„Na schön! Ich war vorgestern bei Archie. Aber so kurz, dass es eigentlich nicht der Rede wert ist.“
„Über was  haben Sie gesprochen?“
„Was geht Sie das an?“
„Es ging um Geld n’est-ce pas?“ fragte Poirot unvermittelt. Spencer schaute ihn groß an. „Mr Earnshaw schuldet Ihnen Geld, und Sie wollten es zurück haben, stimmt das Mr Spencer?“
„Wie kommen Sie denn jetzt darauf?“
„Wir wissen, dass Sie mit ihm regelmäßig im Club gespielt haben und zwar um große Beträge. Ich vermute um zu große Beträge!“ sagte Poirot. Spencer zögerte.
„Na schön, da Sie offensichtlich schon alles wissen. Er schuldet mir tatsächlich Geld. Ich wollte mit ihm darüber reden, wie und wann er es mir bezahlen kann…“
„Nur reden ja? Und zufälligerweise wird er kurze Zeit später entführt!“ sagte Japp kühl. 
„Aber damit habe ich doch nichts zu tun!“ protestiert Spencer. 
„Wie viel schuldete Ihnen Earnshaw?“ fragte Poirot.
„Auch wenn es Sie nichts angeht: 2000 Pfund.“
C’est interessant. Mrs Earnshaw hat heute eine Nachricht des Entführers erhalten, in der steht, dass Mr Earnshaw ihm 2000 Pfund schuldet. Ein bemerkenswerter Zufall, finden Sie nicht?“ fragte Poirot und beobachtete Spencer ganz genau. Dieser wurde blass.
„Eine… eine Nachricht?“ stammelte er. „Die ist aber nicht von mir! Er muss noch jemand anderem Geld schulden. Ich würde ihn doch nicht wegen 2000 Pfund entführen. Ich weiß doch wie es um seine Finanzen bestellt ist!“
„Und Sie wollen weiter leugnen, dass Sie sich bei Ihrem Freund versteckt haben?“ fragte Japp. 
„Ich… ich“, Spencers Selbstbeherrschung brach allmählich zusammen. „Ich bin später am Abend noch mal hin, weil er mich bei unserem ersten Gespräch um halb 7 einfach hat abblitzen lassen, aber ich schwöre Ihnen, Chief Inspektor, als ich in den Laden gegangen bin, habe ich das Chaos gesehen und das Blut und ich bin direkt wieder raus und direkt zu meinem Kumpel, weil ich Angst hatte, dass man mich verdächtigen würde…“
„Zumindest da liegen Sie mal richtig, Spencer!“ unterbrach ihn Japp „Und noch etwas!“ warf Chief Inspektor Japp mit siegessicherem Lächeln ein. „Wir haben uns mal bei Ihnen in der Wohnung etwas umgeschaut. Wir haben da einige Päckchen mit Spielkarten gefunden, die haargenau so aussehen wie diejenigen, mit denen Sie auch im Club spielen. Sie sind in ziemlich bedauernswerten Zustand, muss ich sagen“, und bei diesen Worten klopfte er sich auf seine Manteltasche. „Das Muster auf der Rückseite ist schon sehr filigran gemacht. Aber wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man, dass einige Punkte einfach fehlen! Und zwar in sehr systematischer Weise. Sie wissen also sofort welche Karten Ihr Gegner auf der Hand hat! Sind Sie eigentlich der Meinung, dass Sie die 2000 Pfund von Mr Earnshaw rechtmäßig erspielt haben?“
Spencer fuhr mit gespielter Entrüstung in die Höhe. „Jetzt hören Sie aber auf, ja?! Natürlich stehen mir die 2000 Pfund zu! Ich kann nun mal ganz gut Bridge spielen, das konnte ich schon immer! Und was die Karten angeht, die Sie hier wie ein Beweisstück anführen: Ich habe letztens beim Spiel viel Geld gewonnen, nach einer langen Runde. Und ich habe mir erlaubt diesen Kartenstapel als Trophäe mitzunehmen!“ 
Er sprach im Brustton der Entrüstung, aber ich merkte, dass er sich dabei um Kopf und Kragen redete. 
„Jetzt hören Sie mal gut zu, Spencer!“ Japp war jetzt ebenfalls sichtlich genervt. „Diese Karten mögen ja die aus Ihrem Club sein, aber wir wissen, dass Sie sie mitgenommen und zu Hause gezinkt haben. Wir haben gemerkt, dass sie immer so viele Punkte wegretouchiert haben wie sie dem Wert der Karte entsprechen. “
„Blödsinn, man muss doch immer nur 2 Punkte weg…“ er schwieg ganz plötzlich. 
Japp lächelte. „Ach ja, ich erinnere mich, genau so haben Sie es gemacht. Ich schätze, Sie bleiben noch einige Zeit unser Gast! Hinter schwedischen Gardinen!“ Chief Inspektor Japp ließ Spencer abführen, der noch einmal lautstark alles als Verleumdung bezeichnete und bekundete, dass er mit der Entführung nichts zu tun haben könne. Poirot sah ihm nachdenklich nach. „Ich denke, Monsieur Spencer hat uns heute mindestens einmal belogen, Hastings! Aber wir werden sehen. Erweisen wir erst einmal Madame Earnshaw unsere Ehre.“

Auf dem Weg durch die Stadt hatten wir Pech, denn auf dem Trafalgar Square geriet der Motor meines Lagonda plötzlich ins Stottern und ging schließlich aus. Da die Tankuhr noch „voll“ anzeigte, musste ich den Motor öffnen um diverse Komponenten zu untersuchen. Poirot wurde schon ungeduldig und zog mich damit auf, dass ich den Wagen doch vor kurzem erst generalüberholt hatte. Wir standen wirklich mitten auf dem Trafalgar Square. Eine jung gebliebene, große, bescheiden aber interessant gekleidete Frau trat an uns heran und bat uns um eine Spende für eine Institution in der jugendlichen Straftätern wieder Moral beigebracht werden sollte, also eine Art „Besserungsanstalt“. Sie verstand es sehr eloquent zu reden und bat schließlich um ein Pfund für ihre Institution. Dafür wollte sie uns auch einen Sticker an den Anzug heften, mit dem wir uns als Förderer unserer Jugend rühmen konnten. Ich war aber gerade zu frustriert wegen meinem Wagen um großzügig zu sein, und meinte zu der guten Frau: „Ich würde Ihnen gerne auch 10 Pfund spenden, wenn Sie mir sagen können, wie ich meinen Lagonda wieder flott bekomme“, meinte ich in dem Versuch zu scherzen.
„Ist der Tank noch voll?“ fragte sie prompt. Ich sah sie nur mitleidig an, riss mich aber noch zusammen und erklärte, dass die Tankuhr noch „voll“ anzeige. 
„Sie haben bestimmt schon Batterie, Zündverteiler und  –kerzen, Benzinleitungen und Vergaser überprüft, oder?“ fragte sie rundheraus.
„Ich bin gerade dabei, den Motor zu überprüfen, werte Dame! Aber das scheint’s alles nicht zu sein!“
„Vielleicht ist die Benzinuhr ja kaputt“, schlug die Frau vor. „Wenn es das sein sollte, denn das wäre mein erster Tipp, schlage ich vor, Sie überweisen unserer Institution 10 Pfund. Wir helfen doch wo wir können. Mein Name ist übrigens Jane Marple.“
Und mit einem freundlichen Lächeln verabschiedete sich diese bemerkenswert selbstbewusste – und wie ich später auch zugeben musste – sachkundige Frau von uns. Mir ist es deshalb auch nicht peinlich zuzugeben, dass diese Frau recht hatte und dem Wagen einfach nur Benzin fehlte! Miss Marple hat ihre 10 Pfund auch von mir erhalten.

Als wir bei Mrs Earnshaw eintrafen, war diese in höchster Sorge. Verzweifelt erklärte sie uns, dass sie das nötige Geld nicht habe, oder bestenfalls, wenn sie alles aus dem Laden verkaufe. Verständlicherweise hatte sie große Angst um ihren Mann, dass sie ihn nicht mehr wieder sehe. Sie zeigte uns die Nachricht des Erpressers, deren Wortlaut sie am Telefon schon durchgegeben hatte. 
Poirot prüfte den Brief und Umschlag genau mit Hilfe seiner Lupe. 
„Der Brief hat keine Briefmarke, das bedeutet, der Erpresser hat den Brief persönlich hier eingeworfen…. Oder aber jemanden beauftragt. Die Worte sind aus der Zeitung ausgeschnitten worden, wahrscheinlich aus der Times, der Schriftart zufolge. Sehen Sie, Hastings, wie präzise hier mit der Schere geschnitten wurde, alles schöne saubere Kanten und fast immer wurde genau rechtwinklig geschnitten. Das Papier ist von guter, fester Qualität, ebenso der Briefumschlag. Dieser Brief scheint dem Entführer etwas wert gewesen zu sein.“ 
Poirot schaute noch in den Briefumschlag und entdeckte einen gold schimmernden Fleck. 
„Sehen Sie hier, in der Ecke klebt ein winziger schimmernder Fleck. Nur mit einer Lupe kann man ihn sehen.“ 
Ich schaute durch das Vergrößerungsglas. „Das könnte Gold sein, Poirot!“ rief ich aus. „Das Labor von Scotland Yard müsste so was analysieren können“, meinte ich. 
„Haben Sie denn auch gute Nachrichten für mich?“ fragte Mrs Earnshaw hoffnungsvoll. 
Poirot zögerte. Schließlich sagte er betont vorsichtig: „Vielleicht bald, Madame. Ein gewisser Mr Spencer, den Ihr Mann aus dem Club kennt, sitzt in Untersuchungshaft. Aber bis jetzt haben wir noch kein Geständnis. Madame, ich wünsche aufrichtig, dass Ihr Mann bald wieder auftaucht. Bis dahin seien Sie tapfer.“ 

Das war sie auch, das musste man ihr lassen. Als wir Mrs Earnshaw verließen, fiel uns auf dem Weg wieder der Bettler auf, der am Tag zuvor schon in den abgerissenen Klamotten auf dem Gehsteig saß. Ich fragte mich, was er in dieser Gegend zu erbetteln hoffte… aber schon bei der Ankunft an den Whitehaven Mansions schenkte ich der Frage keine Beachtung mehr. Poirot wollte den Rest des Tages seine grauen Zellen anstrengen, also fuhr ich wieder, mit einem Abstecher bei Scotland Yard um den Erpresserbrief bei Chief Inspektor Japp abzuliefern, nach Hause, noch nicht ahnend, welch unglaubliche Ereignisse der nächste Tag liefern würde.


VI

Ich war wieder bei Poirot eingetroffen und las meine morgendliche Zeitung, als ein Anruf von Mrs Earnshaw reinkam. Die überglückliche Frau rief uns an um uns die unglaubliche Nachricht zu überbringen, dass ihr Mann wieder da sei! Poirot musste auch noch einmal nachfragen um sicher zu gehen, dass er sich nicht verhört hatte. 
„Ich bin sehr neugierig zu erfahren, wie Ihr Mann wieder frei gekommen ist! Ist es möglich, dass Capt. Hastings und ich heute vorbeikommen um es direkt von Ihrem Mann zu erfahren?“
„Aber ja, Mr Poirot, Sie haben sich so sehr bemüht mir zu helfen, also meinen Mann wieder zu finden, meine ich, dass Sie uns sehr willkommen sind. Kommen Sie doch gleich vorbei!“ Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Dieses Mal waren wir so freundlich Chief Inspektor Japp direkt Bescheid zu geben. Während der ganzen Fahrt war ich sehr aufgeregt und enthusiastisch, weil die Entführung offensichtlich ein glückliches Ende genommen hatte. Poirot hingegen war die Fahrt über schweigsam und sah sehr konzentriert aus. Mrs Earnshaw öffnete die Tür, sehr kurz nachdem wir geklingelt hatten und sie strahlte über das ganze Gesicht. Ein Strahlen, das sehr ansteckend wirkte. Sie war im Vergleich zum Vortrag wie ausgewechselt. Im Wohnzimmer dann trafen wir Mr Earnshaw zum ersten Mal. 
Er sah sehr abgespannt aus, hatte Ränder unter den Augen, machte aber auch einen sehr glücklichen Eindruck auf mich. Seine verliebten Blicke wanderten immer wieder zu seiner Frau hinüber, und ich konnte merken, dass dieses glückliche Ereignis der Rückkehr von Mr Earnshaw das Ehepaar noch enger zusammen geschweißt hatte. 

Chief Inspektor Japp traf nur wenige Minuten nach uns ein.
„Monsieur Earnshaw“, begann Poirot, nachdem sie sich vorgestellt und gesetzt hatten. „Ich weiß, Sie werden diese Geschichte noch oft erzählen müssen, aber dürften wir Sie um die Güte bitten, sie auch noch einmal Captain Hastings und mir zu erzählen?“
„Ja, gerne! Sie ist eigentlich auch schnell erzählt. Also, vor drei Tagen musste ich abends etwas länger arbeiten, weil ich unbedingt noch ein paar Ringe für unsere neue Kollektion entwerfen und fertigen wollte. Das wollte ich zumindest. Ich habe mich schon etwas vor Ladenschluss hinten in die Werkstatt gesetzt und die Tür zum Verkaufsraum offen gelassen. Plötzlich kam ganz unvorbereitet ein großer breitschultriger Mann herein. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, da er sich eine Strumpfmaske übergezogen hatte. Dann meinte er zu mir und ich wusste gar nicht, was er meinte. Dann hat er noch irgendetwas gebrüllt und mich angegriffen. Zuerst hat er mich am Kragen vom Stuhl gehoben und dann hat er mich ins Gesicht geschlagen. Ich hab sofort angefangen zu bluten und konnte mich gar nicht mehr wehren. Na ja, hätte ich wohl auch so nicht gekonnt. Dann hat er seine Pistole gezogen und gesagt < Geh vor, wir machen eine nette kleine Reise. Geh zu meinem Wagen, er steht in der Henrietta Street. Wenn Du versuchst davon zu laufen, wirst Du es bitter bereuen!> Na, was sollte ich machen? Ich konnte nicht fliehen und gegen ihn kämpfen wohl schon gar nicht. Also bin ich voraus gegangen, immer vor ihm her. Können Sie sich das Gefühl vorstellen? Über den belebten Covent Garden gehen zu müssen, wo einen 1000 Menschen sehen und nichts sagen zu können, weil hinter einem einer mit einer Pistole geht, die auf Sie zielt? Einfach gruselig, kann ich Ihnen sagen! Im Auto wartete schon ein Komplize des Entführers, der uns aus der Stadt raus gefahren hat. Als wir weit genug draußen waren, hat mir der erste die Augen verbunden und mir die Hände gefesselt, von da an weiß ich nicht mehr, wie sie weiter gefahren sind. Da waren wir gerade in Barnet. Vorher wollten die mich wohl nicht fesseln, weil das wohl zu auffällig gewesen wäre. Wir sind bestimmt noch ne Stunde weiter gefahren, dann haben sie mich aus dem Wagen gezerrt und mich in einen Keller gebracht. Den haben sie abgeschlossen und mich im Dunkeln zurück gelassen. 2000 Pfund wollten die von mir haben, die ich so schnell nicht flüssig machen kann, aber das haben sie mir nicht geglaubt. Dann meinten sie, dass meine Frau die sicherlich irgendwo auftreiben könne, wenn sie erführe, dass das Leben ihres Mannes auf dem Spiel stehe. Die wollten ihr eine entsprechende Nachricht schicken und mich so lange schmoren lassen. Mit Wasser und Brot mussten sie mich versorgen, was sie auch ein paar Mal am Tage gemacht haben. Dabei wurden sie immer nachlässiger und unaufmerksamer. Jedenfalls gelang es mir heute Morgen den einen beim Bringen des Frühstücks zu überwältigen und aus dem Keller nach oben zu kommen. Ich habe mich vorsichtig zur Haustür geschlichen. Von seinem Kollegen war komischerweise nichts zu sehen. Keine Ahnung wo der grad war. Dann habe ich mich umgeschaut und festgestellt, dass ich in Sandy war. Ich hatte ja kein Geld, also musste ich trampen, was auch erstaunlich gut geklappt hat. Die letzte Stunde musste ich zwar zu Fuß laufen, aber das ging und jetzt bin ich hier!“ endete Earnshaw schließlich.

Eine Zeit lang saßen wir alle mit staunenden Mienen da, denn die Geschichte klang unglaublich. Die Entführer schienen tatsächlich sehr dumm gewesen zu sein. Schließlich beglückwünschten wir aber Mr Earnshaw zu seiner glücklichen Flucht. Die Entführer wollten wir natürlich trotzdem noch fassen beziehungsweise wollten wissen, ob Mr Spencer darin verwickelt war. Chief Inspektor Japp übernahm es jetzt die nötigen Fragen zu stellen.
„Also Mr Earnshaw, den Mann, den Sie überwältigt haben, wie würden Sie ihn beschreiben? Sein Gesicht werden Sie wohl gesehen haben.“
„Also, leider habe ich den Mann noch nie zuvor gesehen. Er war so vom Typ mittelgroß, mittelalt, ohne besondere Merkmale. Er hatte schwarze kurz geschnittene Haare und einen kurz geschnittenen Schnurrbart. Überhaupt schien er schwarz zu lieben, denn er war ganz in schwarz gekleidet. Leider kann ich Ihnen da nicht weiter helfen mit Tattoos, Schmuck oder einer Zigarettenmarke, die er geraucht hätte.“
„Tja, das ist schade, bitte sagen Sie mir Bescheid, wenn Ihnen noch was einfällt. Ein paar Details können sehr hilfreich sein, wenn wir ihn schnell finden wollen. Sagen Sie, Sie haben doch berichtet, dass der Mann, der Sie angegriffen hat, eine Strumpfmaske getragen hat. Danach sind Sie beide aber über den belebten Covent Garden gegangen. Hatte er tatsächlich die ganze Zeit über die Maske auf?“ 
Earnshaw zögerte einen Augenblick mit der Antwort. „Nein, wahrscheinlich hat er sie schell ausgezogen. Er hat mir auch verboten mich umzudrehen.“
„Aber dann später im Auto haben Sie doch nebeneinander gesessen!“ beharrte Japp.
„Ja, aber da hatte er sie schon wieder an. Tut mir leid, Chief Inspektor.“
„Was war das für ein Wagen?" 
„Ein alter Ford, T-Modell, glaube ich.“
„Und das Kennzeichen?“
„Die Nummernschilder waren schon abgeschraubt gewesen.“
Chief Inspektor Japp seufzte. „Was können Sie mir über das Haus sagen, in dem Sie gefangen waren? Würden Sie das wieder finden? Es wäre hilfreich, sich dort einmal umzusehen.“
„Ja, ich denke, das würde ich wieder finden. Es ist ein altes Bauernhaus, das ziemlich abgelegen liegt. Ein gutes Versteck für Kriminelle, wenn man darüber nachdenkt.“
„Eigentlich nicht. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es besser ist, jemanden in einer belebten Gegend gefangen zu halten. Keiner scheint etwas zu bemerken. Wenn allerdings in einem abgelegenen Haus plötzlich Leben einkehrt, werden die Leute neugierig und wollen wissen, wer die Neuen sind. Vielleicht haben wir Glück und jemand hat etwas mehr gesehen als Sie. Würden Sie mit uns mitkommen um uns zum Haus zu führen?“
„Ich kehre zwar nur ungern an diesen Ort zurück, aber ich werde es gerne versuchen, Sie hinzuführen.“
„Warum haben Sie eigentlich nicht versucht, die nächste Polizeistation in Sandy zu finden und sofort mit Verstärkung zum Haus zurück zu kehren?“ fragte Japp sichtlich ungehalten. 
„Ich wollte einfach nur noch weg. Soweit wie möglich! Ich hatte Angst, der andere könnte es gemerkt oder gesehen haben, dass ich weg bin und mich verfolgen. Außerdem wollte ich so schnell wie möglich zurück zu Agatha um ihr zu zeigen, dass es mir gut geht.“ Die beiden warfen sich verliebte Blicke zu. 
Ich fand das wirklich rührend; Japp fand das seinem Gesichtsausdruck nach einfach nur noch nervend.
„Wissen Sie eigentlich, warum die Entführer 2000 Pfund von Ihnen wollten?“ fragte Japp weiter.
„Nein, eigentlich nicht. Ich bin Juwelier, vielleicht dachten die Entführer, ich wäre reicher und es würde sich lohnen.“
„Die hätten doch auch einfach Ihren Laden ausrauben können.“
„Ja, sicher. Allerdings verfügt mein Laden über eine effektive Alarmanlage, und tagsüber ist der Covent Garden sehr belebt, sodass es immer Zeugen geben würde. Ich habe das immer als Sicherheitsfaktor betrachtet. – Bis jetzt.“
Mir brannte die Frage auf der Zunge, ob er wirklich Spielschulden habe, wollte die Frage aber nicht in Gegenwart seiner Ehefrau stellen. „Also dann, Mr Earnshaw, lassen Sie uns losfahren!“
Plötzlich schien Mrs Earnshaw etwas einzufallen. „In Sandy hat meine Mutter doch dieses alte Bauernhaus noch. Es steht schon lange leer, weil sie ja jetzt hier wohnt. Sie hat es einfach noch nicht übers Herz gebracht es zu verkaufen. Kann ich nicht einfach mitkommen, Schatz? Dann kann ich mir noch mal angucken, in welchem Zustand es ist!“
„Ach Schatz, warum willst Du Dir das denn antun? Das wird eine ziemlich stressige Fahrt und mein Gefängnis war wirklich nicht schön! Wenn Du willst, kann ich mir ja auf dem Rückweg das Haus noch mal anschauen und die Holzwürmer zählen.“ 
Mrs Earnshaw wirkte enttäuscht, sagte aber nichts. Wir fuhren also ohne Mrs Earnshaw nach Sandy. Als wir das Haus verließen, fiel mir auf, dass der Bettler nicht mehr da war. Da das aber auch Zufall sein konnte, behielt ich diese Beobachtung für mich.


----> Fortsetzung folgt ;-)





Mittwoch, 7. März 2012

Michael Martin: Poirot-Krimi - Gezinkte Karten (2)


III

Diese ließ auch nicht lange auf sich warten. Noch am selben Nachmittag kam ein Anruf von Chief Inspektor Japp, in dem er mitteilte es gebe einen Zeugen. „Der Mann arbeitet als Kellner im Chez Gerard und sagt aus, er habe einen riesigen Kerl mit kantigem Gesicht, so um die 40, den Laden betreten gesehen. Er sei gut angezogen gewesen mit Anzug und Krawatte. Kurze Zeit später seien er und der Juwelier schnell aus dem Laden gegangen und weggegangen. Nur 10 Minuten später sei Mr Earnshaw schon wieder zurückgekommen und habe dabei sehr verstört ausgesehen und vielleicht auch etwas ängstlich. Das war um 18:30 h.“
„Und dann hat jemand gesehen wie oder wann Mr Earnshaw das Haus abends verlassen hat?“
„Nein, leider nicht. Seine Schicht endete um 20 Uhr. Da hat er noch mal einen Blick zum Laden geworfen und da war das Schild auf ‚geschlossen’ gedreht. Irgendwann in der Zeit muss er wohl gegangen sein. Oder er wurde gegangen!“ meinte Japp. „Es ist doch gut möglich, dass dieser Unbekannte irgendwie mit dem Verschwinden von Earnshaw zusammenhängt. Oder zumindest scheint er etwas zu wissen, was uns weiterhelfen könnte. Es kann uns nur nützen ihn zu finden. Ich werde sofort eine Fahndung mit Phantombild nach ihm ausgeben!“
„Ja, tun Sie das, schon etwas Neues aus dem Labor?“
„Nein, aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund brauchen die Jungs heute etwas länger um so etwas einfaches wie eine Blutgruppenbestimmung durchzuführen (der Sarkasmus war nicht zu überhören). Ich melde mich dann wieder.“

„Nun, Hastings, was meinen Sie dazu?“ fragte er mich, nachdem er mir den Inhalt des Telefonats wiedergegeben hatte. „Was soll ich davon halten?“ fragte ich erstaunt zurück. „Wir müssen eben noch etwas warten. Und es kann doch sein, dass so eine Blutanalyse eben länger dauert, wenn die Jungs viel zu tun haben.“
„Ich bewundere Ihre unbekümmerte Art immer wieder, mon ami. Aber vielleicht hat es tatsächlich nichts zu bedeuten, wie Sie sagen…“ Ich hatte mir schon vor langer Zeit abgewöhnt meinen alten Freund zu fragen, was er mit derlei rätselhaften Andeutungen wohl meinte; ich würde doch nur ein wissendes Lächeln als Antwort bekommen.
„Kommen Sie, Hastings! Wir sollten Madame Earnshaw einen Besuch abstatten. Meiner Erfahrung nach kann es sehr nützlich sein, sich die Lebensumstände eines Entführten zu betrachten. Vielleicht finden wir ein Detail, dass uns das Motiv für die Entführung verrät.“
„So weit ich weiß, wohnt die gute Dame nicht in der Innenstadt, sondern etwas außerhalb, in Tooting. Schöne Gegend da! Und eine gute Gelegenheit meinen neuen Lagonda Probe zu fahren. Ich habe ihn gerade selbst generalüberholt!“
„Solange Sie nicht wieder so selbstmörderisch rasen und auf unbefestigten Schlammpisten für die nächste Meisterschaft trainieren, dürfen Sie fahren“, meinte Poirot mit ernster Miene.
„Keine Sorge, mein Freund! Die Straßen nach Croydon sind alle asphaltiert. Wir sollten diesmal beide sauber bleiben.“ 

Tatsächlich waren die Straßen bis zu unserem Ziel sehr angenehm zu fahren. Die Earnshaws wohnten in einem kleinen schmucken Backsteinhaus am Rande der Stadt. Auf dieser frisch asphaltierten Straße gab es noch nicht viele Häuser und dementsprechend wenig Verkehr. Mrs Earnshaw war zwar überrascht uns schon wieder zu sehen, ließ uns aber gerne ein. Sie führte uns in die gute Stube und bot uns Tee und Biskuits an, die wir gerne annahmen. 
„Gibt es schon etwas Neues?“ fragte sie uns mit besorgter Miene. 
„Noch nichts Greifbares, leider. Die Polizei fahndet jetzt nach einem Mann, der offensichtlich etwas sehr wichtiges mit Ihrem Mann in seinem Laden kurz vor seiner Entführung zu besprechen hatte. Ein Phantombild wird angefertigt. Er soll um die 40 Jahre, 1,95 m groß und kräftig sein und sein schwarzes Haar in der Mitte gescheitelt tragen. Kein Bart. War so ein Mann schon mal hier?“
„So einen Mann habe ich hier noch nie gesehen.“ 
Na, das war auch nicht zu erwarten. Eine Forderung des Entführers ist noch nicht eingetroffen, vermute ich?“
„Nein, immer noch nicht. Mr Poirot, ich begreife es immer noch nicht, wozu es gut sein könnte, meinen Mann zu entführen?“
„Ich wäre froh, wenn ich das herauskriegen würde! Sie sagen, Ihr Mann hat keine Feinde… Welche Freunde hat er denn? Mit wem trifft er sich regelmäßig?“
„Ja, da sind einmal unsere Nachbarn die Lawrences, mit denen wir uns jede Woche zum Bridge spielen treffen, meine Schwester Mildred kommt in unregelmäßigen Abständen vorbei oder wir besuchen sie in Croydon, der Rest der Familie natürlich auch. Dann gehen wir beide noch Bogenschießen, so ein-, zweimal die Woche. Mein Mann war der Meinung, dass er auch mal in die Ferne gucken muss. Als Ausgleich dafür, dass er mit dem Vergrößerungsglas den ganzen Tag über seiner Arbeit hängt. Ach ja, und er geht regelmäßig in seinen Club. Der liegt in der Stadt. Er geht dann immer nach der Arbeit dahin und kommt dann immer spät heim. Aber gestern war er nicht da. Ich habe schon angerufen. Es wäre auch nicht sein üblicher Tag dafür gewesen. Die Adresse kann ich Ihnen geben – hier. Das war’s an Freunden.“ 

Poirot machte ein konzentriertes Gesicht. „Ist Ihr Mann ein guter Bridge-Spieler, Madame?“
„Ja, ist er. Er liebt dieses Spiel auch sehr… wir beide.“
„Jedes Detail kann wichtig sein. Haben Sie Kinder?“
„Nein, dieses Glück wurde uns leider nicht beschert.“
„Erzählen Sie mir von Ihrer Schwester.“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ihr Mann hat einen Bauernhof, hier ganz in der Nähe. Er ist einfach riesig. Die haben sich einen richtigen kleinen Zoo aufgebaut mit Rindern, Schweinen, Hühnern, Pferden (die aber nur zum Reiten) und so weiter. Der Hof bestimmt ihr Leben. Sie können keinen Urlaub machen, aber Mildred ist glücklich dort, sie hat jetzt auch das Reiten gelernt… Aber sagen Sie, wozu wollen Sie so was wissen?“ 
Poirot hatte die Zeit am Fenster gestanden, das zur Straße zeigte, und das Geschehen draußen beobachtet. 
„Ich versuche mir ein Bild zu machen, Madame. Dort unten sehe ich einen Obdachlosen, der oft zu diesem Haus rüber schaut. Ist doch recht eigenartig. In dieser unbelebten Straße kann es doch nicht viel zu erbetteln geben. Haben Sie diesen Mann hier schon einmal gesehen?“ 
Mrs Earnshaw kam ans Fenster und blickte quer über die Straße. „Nein, der muss hier neu sein. Armer Teufel, hier gibt es nicht viel für ihn.“

„Bon. Vielleicht werden wir gleich großzügig sein, n’est-ce pas, Hastings? Madame, ich muss Sie das fragen, auch wenn die Frage indiskret klingen mag. Woher bezieht Ihr Gatte sein Gold, Silber und die Edelsteine für den Schmuck, den er macht?“
„Ach, Mr Poirot, da haben wir schon seit Jahren dieselben zuverlässigen Partner. Die Diamanten liefert Mr Hanley, der sie aus Südafrika bezieht. Gold und Silber kommen von Simmons, die Minen dazu liegen in Nigeria und im Kongo. Da bin ich mir sicher. Wenn mein Mann die Quellen geändert hätte, hätte ich das mitgekriegt. Schließlich trifft man sich immer persönlich. Übrigens sind alle Unterlagen und unsere Bestände heute erst von der Polizei überprüft worden. Aus dem Syon House ist doch diese Diamanten-Kette gestohlen worden, und Scotland Yard hat alle Händler überprüft, ob die Diamanten verkauft worden sind. Aber da sucht sie bei uns natürlich vergebens!“ 
Der Stolz in ihrer Stimme als sie diese Worte sagte, war nicht zu überhören. 

„Madame Earnshaw, ich muss Ihnen diese persönliche Frage stellen, da es für mich kein Motiv für die Entführung zu geben scheint. Es gibt Situationen für einen Mann, in denen er nicht gefunden werden will, auch wenn die liebende Ehefrau nach ihm sucht. Sind Sie glücklich verheiratet?“
„Ja, Mr Poirot! Wir sind glücklich verheiratet!“ sagte sie wie aus der Pistole geschossen. „Und wenn Sie glauben, dass mein Mann vor mir auf der Flucht ist, womöglich noch mit einer anderen Frau; das ist einfach absurd!“ Rote Flecken auf ihren Wangen zeigten, dass sie diese unmögliche Verdächtigung Poirots erzürnte. „Pardon! Wenn das so ist, muss es einen anderen Grund für das Verschwinden Ihres Mannes geben. Nichts für ungut.“
„In der Tat!“
Unter wortreichen Beteuerungen weiter zu forschen und sie auf dem Laufenden zu halten verabschiedeten wir uns von Mrs Earnshaw, warfen dem Bettler ein Pfund in den Hut und fuhren zurück in Poirots Appartement. 
„Tja, Poirot, das war jetzt nicht allzu informativ“, meinte ich. „Wir brauchen immer noch ein Motiv für die Entführung und irgendeine Forderung muss noch gestellt werden. Was meine Sie? Sollten wir mal in diesem Club vorbei schauen? Man wird ihn dort gut kennen.“
„Ganz recht, Hastings! Eine gute Idee! Aber ich denke, wir werden dort erst heute Abend seine besten Bekanntschaften antreffen. Bis dahin lassen Sie bitte meinen kleinen grauen Zellen Zeit zu arbeiten.“


 IV

Später am Abend fuhren wir zum Club. Er lag in einer der vornehmeren Viertel Londons und das Publikum dort gehörte ebenfalls den höheren Klassen an. Die Luft war vom Rauch teurer Zigarren geschwängert und außer der zauberhaften Sängerin am Mikrofon gab es in diesem Club selbstverständlich keine Damen. Wir setzten uns an die Bar, um mit dem Barkeeper zu reden. Nachdem Poirot ein Liqueur de framboises de Malmedy bestellt hatte, erkundigte er sich beim Barkeeper nach Mr Earnshaw. 
„Wenn die Herren sich noch ein paar Minuten gedulden mögen, Mr Earnshaw pflegt gewöhnlich um 8 Uhr zu kommen“, lautete die gezierte Antwort. 
„Das halte ich für unwahrscheinlich, Monsieur. Mr Earnshaw ist seit gestern spurlos verschwunden“, meinte Poirot nüchtern.
„Was meinen Sie mit verschwunden?“ fragte der Mann hinter der Theke erstaunt zurück. „Ich meine damit, dass er gestern Abend nicht wie gewöhnlich nach Hause gekommen ist und seit dem nicht wieder aufgetaucht ist. Sagen Sie, wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“
„Das muss vor drei Tagen gewesen sein. Für gewöhnlich kommt Mr Earnshaw zweimal die Woche hierher. Heute hätte er wieder kommen müssen… Entschuldigen Sie, Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor! Sind Sie nicht Hercule Poirot, der berühmte Detektiv?“
Oui, der bin ich, Monsieur“, sagte er und lächelte geschmeichelt.
„Wenn sich der berühmte Detektiv nach dem Verschwinden einer Person erkundigt, heißt das etwa, dass diese Person entführt wurde?“
„Nun, das ist durchaus möglich. Wir können nicht sicher sein. Ich würde Ihnen gerne einige Frage über ihn stellen.“
„Oh, viel kann ich Ihnen nicht sagen. Bei mir bestellt er nur seine Drinks. Ich weiß aber, dass er oft Bridge gespielt hat; mit diesen Gentlemen an Tisch 7, Mr Grange, Mr Staunton und Mr Webber. Alles gut situierte Herren, wenn Sie verstehen, was mich meine. Es wird um recht große Summen gespielt!“ 

Der Barkeeper hatte recht, die drei Herren, die da am Tisch saßen, sahen alle aus wie Anzugmodels der teuren Modehäuser. Allerdings sah man ohne ihre Hüte hier und da kahle Stellen auf ihren Köpfen. Alle drei sahen wohlgenährt aus und schauten unheimlich würdevoll drein. Wir schlenderten hinüber zu Tisch 7.
Bon, soir, die Herren. Ich bin Hercule Poirot, das ist mein Kollege Captain Hastings“, stellte er uns vor. „Ich bedaure sehr Ihnen sagen zu müssen, dass Ihr Freund Mr Earnshaw heute Abend nicht kommen wird.“
„Wieso nicht? Ist etwas passiert?“ fragte Grange.
„Er ist seit gestern verschwunden, Messieurs. Ich hatte gehofft, dass einer von Ihnen eine Idee hat, wo er sein könnte.“
„Einfach verschwunden, sagen Sie? Also, er ist mittwochs eigentlich immer hier, wir warteten bis eben auf ihn. Er hat letzte Woche auch nicht gesagt, dass er heute nicht käme. Jedenfalls nicht zu mir!“ meinte Staunton. 
Er schaute seine beiden Freunde fragend an, aber diese hatten auch nichts anderes gehört. Man war sich einig, dass der vermisste Mr Earnshaw immer sehr zuverlässig sei und dass schon etwas Ernstes passiert sein müsse, wenn er nicht zum Bridge spielen komme ohne vorher Bescheid zu geben. „Man hat mir zugetragen, dass Sie um ganz beträchtliche Summen spielen, Messieurs. Hat Mr Earnshaw hier in letzter Zeit viel Geld verloren?“
„Ganz im Gegenteil, unser guter Archibald gewinnt regelmäßig in unserer Runde. Aber wir spielen auch nicht um Beträge, die einen arm machen würden“, sagte Mr Webber.
„Also Geldsorgen hatte er Ihrer Meinung nach nicht?“
„Das weiß ich nicht, aber ganz sicher nicht wegen unserer Bridge-Runde!“ Die anderen stimmten in das Lachen mit ein. „Wissen Sie, ob er Feinde hat?“
„Nein, ich wüsste nicht, wer. Archie ist der ruhigste in unserer Runde Mr Poirot. Auch wenn Sie noch so tief graben, werden Sie keine Unregelmäßigkeiten, Frauengeschichten, oder andere Ungebührlichkeiten finden. Man könnte ihn wohl einen Musterbürger nennen“, meinte Staunton fröhlich. Mr Grange war die ganze Zeit nervös auf seinem Platz hin- und her gerutscht. „Meint ihr nicht, dass wir es Mr Poirot sagen sollten?“ fragte er.
„Was meinst Du, Max?“ fragte Staunton.
„Das Nebenzimmer… Na, ihr wisst so gut wie ich, dass er dort auch Bridge spielt.“
„Na und, wenn er dabei so gut ist wie hier, ist das doch schön für ihn!“
„Ja, aber dort wird um viel höhere Beträge gespielt, als bei uns. Und ihr kennt doch diesen Spencer, diesen ungehobelten Menschen…“
„Wie bitte, mit diesem Subjekt spielt er? Aber mit dem wird er sich ja wohl nicht angelegt habe, oder?“ meinte Webber.
„Entschuldigen Sie, meine Herren, wer genau ist Mr Spencer?“ fragte ich.
„Kein angenehmer Zeitgenosse, wenn Sie mich fragen“, meinte Grange. „Er ist vielleicht der beste Bridge-Spieler hier, aber seine Manieren lassen sehr zu wünschen übrig. Er ist 40 Jahre alt, fast 2 Meter groß und ich weiß gar nicht, ob er einer ehrbaren Arbeit nachgeht oder nur auf sein Glück beim Spielen setzt. Wenn er im Club spielt, tut er dies nur im Nebenzimmer. Dass unser verliebter Archie mit dem spielt, ist nicht zu glauben!“
„Sie nennen ihn verliebter Archie?“ fragte ich belustigt.
„Ja, er ist immer noch so verliebt in seine Frau, dass ihn sein schlechtes Gewissen plagt, wenn er hier spielt. Deshalb geht er auch oft früher als alle anderen“, meinte Grange.
Bon, Messieurs“, schaltete sich Poirot wieder in das Gespräch ein. „Dieser Spencer verdient also sein Geld mit dem Spielen?“ 

Ich konnte genau sehen wie sich die drei Männer unbehaglich gegenseitig ansahen. „Wir verkehren nicht mit diesen Männern und daher wissen wir auch nur wenig über sie“, ergriff schließlich Webber das Wort, „Wir machen uns nur Sorgen, dass sie diesen Club in eine Spielhölle verwandeln wollen. Meiner Meinung nach spielen sie um viel zu hohe Beträge! Deshalb weiß ich nicht, warum Archie mit denen spielt.“
„Wissen Sie, ob Mr Earnshaw von Mr Spencer viel Geld gewonnen hat?“
„Nein. Aber Archie hat seine Finanzen fest im Griff!“ sagte Webber mit Bestimmtheit.
„Ist Mr Spencer heute schon hier erschienen?“ fragte Poirot.
„Nein, aber wenn er kommt, geht er bestimmt wieder direkt ins Nebenzimmer.“
„Vielen Dank, Messieurs. Sie haben uns sehr geholfen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“
„Poirot, dieser Spencer könnte doch unser Mann sein. Wenn Mr Earnshaw ihm viel Geld schuldet oder sehr viel von ihm gewonnen hat, könnte Spencer sich doch mit allen Mitteln von ihm das Geld wiederholen. Dieser Spencer könnte dazu fähig zu sein!“
Non, Hastings, es wäre voreilig jetzt schon Schlüsse zuziehen, aber bestimmt kann auch ein Mann mit so schlechten Manieren uns wichtige Details verraten. Wir warten auf ihn!“ 
Doch Mr Spencer kam an diesem Abend nicht und um 22 Uhr fuhren wir wieder nach Hause.

---- Fortsetzung folgt ;-)